Safije Eder-Jenuzi

6. März 2002, 14:24
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Interview mit Safije Eder-Jenuzi, 35 Jahre alt, 2 Kinder, 8 und 10 Jahre alt. Sie ist Mitarbeiterin der Volkshilfe Österreich und betreut hauptsächlich weibliche Häftlinge im Rahmen des Schubhaft-Sozialdienstes – einem Gemeinschaftsprojekt von Volkshilfe Österreich und Caritas Wien.

  • 6:30 Uhr: Wie immer läutet der Wecker. Aufstehen, duschen, ab in die Küche, Frühstück für die Kinder machen, Schuljause herrichten.

  • 7:00 Uhr: Kinder wecken, frühstücken.

  • 7:30 Uhr: Kinder gehen in die Schule, dann wird gelüftet, ein bisschen zusammengeräumt.

  • 8:30 Uhr: Ab ins Büro. Der Computer wird eingeschalten, um die Fälle vom Vortag zu bearbeiten. D.h. Bestellungslisten für die nächsten Gespräche schreiben und an die Beamten in den Polizeigefangenenhäuser zu schicken. Vorbereiten welche Unterlagen für die aktuellen Gespräche an diesem Tag gebraucht werden. Abklären was fremdenpolizeilich oder fürs Asylverfahren formal zu tun ist, weiterleiten der Unterlagen an Rechtsvertreter zwecks Rechtsmitteldurchführung, Falldokumentationen erstellen, Anrufe bei Behörden. Gespräche mit Beamten sind besonders wichtig, vor allem um Vorurteile abzubauen, sachlich zu verhandeln, oft gehören natürlich auch bitten und betteln für Vergünstigungen für KlientInnen dazu. Eigentlich mache ich ein Art Sozialarbeit auf zwei Seiten: Ich informiere und berate meine Klientinnen, höre oft auch einfach nur zu. Aber auch die Beamten sind emotional beeinflussbar. Ich will sie mit Menschlichkeit konfrontieren, also die KlientInnen zu Menschen machen.

  • 12:30 Uhr: Ich marschiere in das erste Gefängnis, meist in die Rossauerlände. Da sitzen derzeit 219 Schubhäftlinge, darunter 30 Frauen. Streng eingeteilt in Männer- und Frauentrakte, es gibt keine Familienzellen, dafür aber seit ein paar Jahren eine Mutter-Kind-Zelle die derzeit leer steht. Voriges Jahr wurde eine Mutter mit einem ca. zweijährigem Kind einige Wochen hier angehalten. Ich bin selber Mutter, ich hab dem Kind einen Ball und sonstige Spielsachen gebracht.

  • Ab 12:30 Uhr gibt es also Gespräche mit Inhaftierten. Ich mache eine Art Bestandsaufnahme, wie kann ich helfen, was wird gebraucht. Was kann getan werden? Ich schaffe so an die 7 bis 8 Gespräche in den vorgesehenen zwei Beratungsstunden (13 – 15:00 Uhr in der Rossauerlände).

  • 15:00 – 17:00 Uhr passiert das selbe im Gefangenenhaus am Hernalser Gürtel. Natürlich flehen viele um Hilfe, vor allem Frauen bitten und weinen, sie leiden viel offener als Männer. Wir klären Sie auf was alles passieren kann, sie kriegen Informationen von uns. Sehr oft kann ich ihnen gar nicht helfen. Das ist zwar bitter, aber damit muss ich leben, man muss Distanz aufbauen. Besonders schlimm ist es für mich, wenn ich das Schicksal von Frauen höre, die schwerst missbraucht werden. Die von Männern unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen (Heirat, Job als Kellnerin, Tänzerin, Sängerin, Modell) nach Österreich gebracht wurden und dazu gezwungen wurden, als illegale Prostituierte zu arbeiten und dabei "erwischt wurden". Wenn dann die vermeintlichen Freunde bei mir anrufen, und mir die Ohren volljammern "Bitte helfen Sie meiner Freundin etc.", dann werde ich schon wütend auf die Männer, die frei herumlaufen und die Frauen nicht nur betrogen und missbraucht sondern auch hinter Gittern gebracht haben.

    Oft ersuche ich meine Kolleginnen, dass ich am nächsten Tag "zur Erholung" auch wieder einmal nur Männer betreuen kann – das ist emotional nicht so anstrengend.

  • 17:30 Uhr: Nach den Gesprächen gehe ich schnell nach Hause, dazwischen wird noch eingekauft, die Kinder aus dem Hort geholt, eine Kleinigkeit gekocht, die Schulaufgaben kontrolliert.

  • 20:30 Uhr: Die Kinder sind im Bett und ich gehe noch schnell meine privaten e-mails durch und surfe durchs Internet.

  • 23:30 Uhr: Ab ins Bett, Ende des Frauentages
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