Aktienforum will Österreich zum Land der Aktionäre machen

6. März 2002, 13:18
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Bis jetzt zu wenig große Industriebetriebe

Wien - Der österreichische Kapitalmarkt braucht dringend eine Belebung: Gelinge es in den kommenden drei bis fünf Jahren nicht, zum europäischen Durchschnitt aufzuschließen, dann werde Österreich in der internationalen Wettbewerbsfähigkeit stark zurückfallen, sagte der Präsident des Aktienforums, Hellmut Longin, bei einer Podiumsdiskussion am Dienstagabend in Wien. Analyse und Verbesserungsvorschläge der Situation am heimischen Kapitalmarkt waren Themen des Abends, an dem prominente Vertreter von Börse, Wissenschaft und Wirtschaft teilnahmen.

Eines der Hauptprobleme: Österreich hat zu wenige große Industriebetriebe, sagte der von der Regierung eingesetzte Beauftragte für den Kapitalmarkt, der frühere OMV-Generaldirektor Richard Schenz. Zur Zeit der Monarchie sei die Industrie vor allem in Tschechien angesiedelt worden, Österreich habe sich mit Verwaltung und Tourismus begnügt. Die Ereignisse um die Schaffung einer österreichischen Stromlösung bezeichnete er als "Trauerspiel", das unter anderem wegen herrschenden "Kantönligeistes" nicht dazu angetan sei, den Kapitalmarkt zu beleben.

Steuerliche Anreize

Das Aktienforum fordert vehement eine Belebung des Kapitalmarkts, "der Status Quo lässt sich nicht fortschreiben", sagte Aktienforums-Geschäftsführer Markus Fichtiger. Nur 7,5 Prozent der Österreicher seien Aktionäre, im vergleichbaren Schweden liege dieser Satz bei 36 Prozent. Das Aktienforum regt unter anderem steuerliche Anreize für Investoren und Emittenten an. Der Unternehmensberater Boston Consulting Group hat in einer Studie bereits vor einem Jahr "sechs Hebel" ermittelt, mit denen der österreichische Kapitalmarkt jenen Stellenwert erhalten soll, der ihm zusteht. Dazu gehören weitere Privatisierungen durch die staatliche ÖIAG, mehr Börsegänge attraktiver Klein- und Mittelbetriebe oder ein Ausbau der privaten Pensionsvorsorge.

Schenz sprach sich ebenso wie Börsevorstand Erich Obersteiner für eine Funktion des Staates als Kernaktionär aus: Der Staat sei zwar ein schlechter Eigentümer, es gehe aber darum, Konzernzentralen in Österreich zu behalten. Bei Übernahmen durch ausländische Unternehmen drohe der Verlust von Arbeitsplätzen, wie das Beispiel Semperit Reifen zeige. Die Rolle eines längerfristigen strategischen Aktionärs könnten allerdings auch andere Gruppen als die staatliche Beteiligungsholding ÖIAG innehaben.

"Land der Sparbücher"

"Alles was die Liquidität erhöht, verbessert die Attraktivität, stellte Finanzexperte Christian Helmenstein vom Institut für Höhere Studien (IHS) fest. Vor diesem Hintergrund bedauert er Komplettverkäufe (trade sales) durch die ÖIAG wie den der Austria Tabak. Ansonsten sollte der Staat im Wirtschaftsbereich möglichst wenig intervenieren, sondern vor allem im Bildungsbereich tätig werden.

Österreich müsse vom Land der Sparbuch-Anleger zu einem Land der Aktionäre werden, forderte Longin. Auch die Medien sollten sich stärker in diese Richtung engagieren. Die steuerliche Begünstigung des Bausparens sei ein "Betrug am Steuerzahler", da nur wenige Bausparer das Geld zweckgebunden zum Bauen verwendeten. (APA)

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