Kompromiss über umstrittenen Tempelbau in Indien abgelehnt

7. März 2002, 14:36
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Mehr als 600 Opfer durch Hindu-Moslem-Unruhen in Indien - Abgeordnete fordern Rücktritte

Neu-Delhi - Eine moslemische Dachorganisation in Indien hat am Donnerstag einen Kompromissvorschlag zum umstrittenen Bau eines Hindu-Tempels abgelehnt. Nach dem Plan sollte der Tempel nicht mehr auf dem zwischen den Religionsgruppen umstrittenen Bauplatz in Ayodhya errichtet werden, sondern auf einem nahe gelegenen Grundstück in Besitz der Regierung. Die Abgeordneten der Opposition im indischen Parlament forderten nach den schweren Unruhen der vergangenen Tage den Rücktritt von Innenminister Lal Advani.

Die Auseinandersetzung über den Tempel hatte zu den schwersten Religionsunruhen in Indien seit zehn Jahren geführt. Die moslemische Dachorganisation erklärte am Donnerstag, in Ayodhya dürfe kein Hindu-Tempel errichtet werden. Ein Sprecher kündigte an, die Organisation werde den Obersten Gerichtshof anrufen, wenn die Regierung dem Welthindurat (VHP) den Bau des Tempels nicht untersage.

Opposition: Regierung habe Unruhen nicht verhindert

Die oppositionellen Abgeordneten warfen Innenminister Advani vor, die Unruhen nicht verhindert zu haben. Sie forderten außerdem den Rücktritt des Ministerpräsidenten von Gujarat, Narendra Modi. Beide Politiker gehören der Hindu-Partei Bharatiya Janata an, die in Gujarat die Regierung stellt. Die Opposition hatte den Behörden vorgeworfen, die randalierenden Hindus bewusst nicht zurückgehalten zu haben. Die Regierung zog Kritik auf sich, weil sie den Opfern des Zugüberfalls mit 200.000 Rupien (4.700 Euro) entschädigte, den Opfern der Vergeltungsangriffe jedoch nur 100.000 Rupien (2.300 Euro) zukommen ließ.

Bisher 677 Leichen geborgen

Die Zahl der Toten bei den Unruhen zwischen Hindus und Moslems im Westen Indiens steigt immer weiter. Bis Donnerstag wurden 677 Leichen geborgen, berichtete die "Times of India" in ihrer Online-Ausgabe. Noch am Dienstag und Mittwoch kam es zu Morden in den Distrikten Godhra und Kheda im Unionsstaat Gujarat, bei denen 24 Menschen starben. Insgesamt entspannte sich die Lage aber weiter. 40 000 Menschen sind vor der Welle der Gewalt geflohen.

Die Unruhen hatten am Mittwoch vergangener Woche begonnen, als Moslems einen Zug mit Hindus an Bord in Brand steckten. 58 Menschen starben. Danach kam es zu Racheakten radikaler Hindus und zu Straßenschlachten zwischen Hindus und Moslems.(APA/dpa/AP)

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