Wie würden Sie jemandem erklären, dass der 8. März notwendig bzw. nicht notwendig ist?

7. März 2002, 19:28
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Christine Bauer-Jelinek (Wirtschaftscoach und Psychotherapeutin): Nachdem unsere Gesellschaft (und andere noch mehr) noch weit davon entfernt ist, Männern und Frauen die gleichen Lebensentwürfe zu ermöglichen, hat der Frauentag seinen Zweck noch nicht erfüllt - allerdings sollte es auch einen Männertag geben, denn auch bei ihnen gibt es Benachteiligung, wenn auch andere.

Alexander van der Bellen (Parteichef der Grünen): Ich würde sagen, dass der 8. März deshalb wichtig ist, weil die Weltöffentlichkeit an diesem Tag eine gewisse Bereitschaft hat, Frauenthemen aufzugreifen und darüber zu berichten.

Frauensolidarität Wien: Notwendig für die Bewußtseinsbildung; Notwendig, um verschiedene Frauen zusammen an die Öffentlichkeit bringen; Tag, an dem viele Frauenfragen in der Öffentlichkeit vorgetragen werden; Notwendig für Frauen, um sich gegenseitig zu stützen, Solidarität zu bekunden; Weltweite Verbundenheit; Notwendig für Männer, um aufmerksam zu werden.

FRIDA: Sichtbar ist, wer Geschichte hat. Diskriminierung der Frauen ist alltäglich, auch wenn das von der herrschenden Politik geleugnet wird. Am Internationalen Frauentag verschaffen sich Frauen in aller Welt Gehör und machen ihre Forderungen öffentlich. Der Internationale Frauentag ist ein Kampftag bei dem sich Frauen gegenseitig stärken indem sie gemeinsam öffentlich agieren. Sie schöpfen Kraft aus kollektivem Handeln für die Durchsetzung ihrer Rechte. Der Internationale Frauentag ist auch ein "Feiertag": Frauen feiern die lange Geschichte der Frauenbewegungen und ihre Erungenschaften, sie ehren die Pionierinnen der Frauenbewegung, die auch heute noch für Mädchen und junge Frauen Vorbilder sind im Kampf um ein selbstbestimmtes Leben! Frauen solidarisieren sich mit Frauen in aller Welt, mit Frauen verschiedener Herkunft und vielfältigen Lebensentwürfen im Bewußtsein, dass sie trotz aller Differenzen unter Frauen auch viele Gemeinsamkeiten bestehen.

Herbert Haupt (Sozialminister und zuständig für Frauenangelegenheiten): Die Gleichbehandlung und Chancengleichheit der Frauen in allen Lebensbereichen ist noch nicht erreicht. Die eklatanten Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern ist z.B. ein Faktor, der sich seit 30 Jahren nicht verändert hat. Zahlreiche Versuche der letzten 15 Jahre haben versagt und dieses Problem wird sich durch verschärftere gesetzliche Bestimmungen auch nicht lösen lassen. Erst ein Umdenken der Gesellschaft, dass Gleichbehandlung von Frauen und Männern genau so selbstverständlich hinnimmt wie die Existenz von Sonne, Mond und Sternen wird zu einer Erreichung des Zieles beitragen. Ein ständiges Mahnmal kann dabei sehr hilfreich sein.

Sylvia Hojnik (nowa): Der Tag ist deshalb notwendig um auf die ungleiche Lebens- und Arbeitssituation von Frauen aufmerksam zu machen, um Chancengleichheit einzufordern und um bewusst zu machen, dass "Frau"-(und auch "Mann")sein nicht nur genetisch (biologisch) sondern auch kulturell (sozialisationsbedingt) bestimmt ist, dass Frauen im Erwerbsleben benachteiligt sind, dass Berufswahlentscheidungen geschlechtsspezifisch sind dass Lebenskonzepte neu gedacht werden müssen etc.

Andrea Kuntzl (Bundesgeschäftsführerin der SPÖ): Der Internationale Frauentag als Bühne und Transportmittel für die Sache der Frauen, ist daher wichtiger denn je. Gerade vor dem Hintergrund einer Regierungspolitik, die einerseits Frauenpolitik als obsolet erachtet, und andererseits Errungenschaften auf dem Weg zur Chancengleichheit in die Luft sprengt, ist ein klares "wir wollen unsere Rechte" von Seiten der Frauen wichtig und notwendig. Die sichtbaren Verschlechterungen für die Frauen haben in vielen Bereichen stattgefunden. Es fehlt ganz massiv eine eigene Stimme für die Sache der Frauen in der Regierung, und das ist zu bemerken: Auf legistischer Ebene kommt es beim Delikt der Sexuellen Belästigung zu keiner Anpassung auf die EU-Richtlinien, beim Kindergeld fehlt die Ausweitung des Kündigungsschutzes, der Bedarf an dringend nötigen Kinderbetreuungseinrichtungen wird von Herbert Haupt schlichtweg geleugnet, und Minister-kritische Frauenvereine werden finanziell ausgehungert.

Milena Verlag: Zum zweiten Teil der Frage sei lediglich angemerkt: Herr Frauenminister und die Männerabteilung statt Frauenministerium ... Bedarf es wirklich noch eines weiteren Kommentares?

Madeleine Petrovic (stellvertretende Klubobfrau der Grünen): Der 8. März ist notwendig, weil Frauenrechte nach wie vor weltweit verletzt werden und es Medien und die Politik sich unbedingt mehr damit beschäftigen und beginnen müssen, Frauenrechte wichtiger zu nehmen!

Barbara Prammer (Bundesfrauenvorsitzende der SPÖ): Genau so wie in Frage eins.

Heide Schmidt (Leiterin des Instituts für eine offene Gesellschaft in Wien): So lange die gesellschaftlichen Strukturen – noch dazu weltweit – die Frau in ihren Möglichkeiten derart benachteiligen, bedarf es zur Veränderung der gezielten Öffentlichkeitsarbeit. Ein Symboltag ist ein Instrument dazu.

Emmy Werner (Direktorin des Volkstheaters Wien): Siehe Antwort auf erste Frage.

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