Lernschwächen - Über den staatlichen Zwang zu Deutschlernen

5. März 2002, 20:47
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Von Eva Linsinger

Lächerlich. Fachlich nicht zu rechtfertigen. Kein ernsthaftes Sprachlernangebot. - So vernichtend urteilt Hans-Jürgen Krumm über den Zwang zum Deutschlernen, den die Koalition über Ausländer verhängt. Und Krumm müsste es wissen: Ist der Sprachwissenschafter doch Professor für den Fachbereich "Deutsch als Fremdsprache". Als solcher argumentiert er: 100 Stunden Sprachunterricht sind viel zu wenig, Deutschlernen unter Zwang und unter dem Damoklesschwert der Abschiebung bei Durchfallen könne nicht funktionieren.

Leider kann Krumm diese und andere Argumente erst im Nachhinein einbringen: Krumm sitzt zwar im deutschen Integrationsbeirat - in Österreich durften er und andere Experten aber nicht mitreden. Schade, sonst hätte die Koalition schon früher gehört, etwa von den Kirchen, dass es nicht am Willen zum Deutschlernen mangelt - sondern an Kursangeboten. Oder sich von Spitzfindigen die Frage stellen lassen, wie denn der Deutschlernzwang sich mit der im Staatsvertrag verankerten Zweisprachigkeit verträgt, nach der Slowenisch oder Kroatisch zweite Amtssprache ist.

Das Wie des Deutschlernens ist aber nicht die einzige offene Frage der so genannten Integrationsvereinbarung. Gerade Frauen von Zuwanderern, argumentieren ÖVP und FPÖ, helfe das Deutschlernen. Prinzipiell schaden Sprachkenntnisse nie - aber wobei sollen sie Migrantinnen konkret helfen? Beim Einkaufen? Beim Schwarzputzen? Denn legal arbeiten dürfen Familienangehörige weiterhin erst nach Jahren in Österreich - weil, wie die Koalition sagt, anderes der Arbeitsmarkt nicht verträgt. Das passt zwar nicht zum Vorhaben, mehr Saisoniers befristet zu holen - dafür zum Grundtenor der Integrationsvereinbarung: Er nutzt der Wirtschaft. Migranten nutzt er nicht.

(DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2002)
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