Die Toten zählen

5. März 2002, 20:10
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Die Situation im Nahen Osten schreit nach einer Intervention von außen - Ein Kommentar von Gudrun Harrer

Die Palästinenser "müssen geschlagen werden", sagt Ariel Sharon, bis sie einsehen, dass sie Israel keine Lösung aufzwingen können. Solange sie nicht am Boden liegen, werde es keinen politischen Horizont geben, erst wenn sie geschlagen sind, könne man wieder verhandeln, sagte der israelische Premier am Montag zu Journalisten.

Man kann das natürlich auch anders sehen: Solange es keinen politischen Horizont gibt, wird der Strom der palästinensischen Selbstmordattentäter nicht abreißen. Was für manche Israelis so schwer einzusehen ist: Genauso wie sie selbst überzeugt sind, dass die Intifada darum geführt wird, weil die Palästinenser Israel weghaben wollen, glauben die Palästinenser, dass sie die Intifada führen müssen, weil Israel nie die Absicht hatte, ein Palästina zuzulassen.

Beides stimmt nicht. Warum es so weit kommen musste, welche Missverständnisse und ganz bewusste Propaganda und Deviationspolitik auf beiden Seiten von den Hoffnungen des Oslo-Prozesses in diese Katastrophe führten, wird man später einmal genau erforschen müssen.

Jetzt ist die Situation so verzweifelt, dass sie sich kühlen Analysen entzieht. "Während wir unsere Toten zählen, zählen sie die ihren", heißt es am Dienstag im Leitartikel von Ha'aretz. Und die internationale Gemeinschaft schaut dabei zu, wie sie einander umbringen, muss man ergänzen. Aber offensichtlich wird das jetzt den USA, die sich aus der Vermittlung total verabschiedet haben, langsam zu viel: Jedenfalls drängt zumindest US-Außenminister Colin Powell darauf, den Nahost-Beauftragten Anthony Zinni in die Region zurückzuschicken.

Das Weiße Haus hat nun auch den Abdullah-Plan, die Initiative des saudischen Regenten, entdeckt. In aller Welt spricht man darüber, außer in Israel. Allerdings darf man sich auch nicht einbilden, dass sich die arabischen Medien begeistert über den Vorschlag zeigen, Israel im Tausch um dessen Rückzug auf die 1967er-Grenze voll und rückhaltlos anzuerkennen. Al-Quds al-Arabi beschreibt die Initiative als "respektlos" denen gegenüber, die die Intifada führen. So kocht eben jeder sein eigenes Süppchen im Nahen Osten. In Wahrheit ist die Intifada nicht nur echter Hinderungsgrund für Politik, sie ist auch willkommene Ausrede. Das gilt ebenfalls für beide Seiten.

In Israel ist zu beobachten, dass die Mehrheit Sharons Vergeltungstaktik, bei der auch Kinder und schuldlose Zivilisten getötet werden, zwar weiter für moralisch gerechtfertigt hält, sich aber mangels Erfolg trotzdem immer mehr Menschen von ihm abwenden. Auch Zeitungen, die der Regierung nicht a priori kritisch gegenüberstehen (wie es Ha'aretz tut), stellen etwa bei der letzten Selbstmordterrorwelle ganz klar den Konnex her zum vorherigen Einmarsch der israelischen Armee in die Flüchtlingslager Balata und Jenin.

Bei den Palästinensern wiederum ist auffällig, dass in der letzten Zeit die islamistischen Gruppen ihr Gewaltprimat ganz klar an die Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden, die trotz ihrer religiösen Aufmachung der ganz und gar säkularistischen Fatah zuzurechnen sind, verloren haben. Offensichtlich gelingt es ihnen, auch im Attentäterreservoir von Hamas und Djihad zu fischen.

Um dieses Primats willen haben die Al-Aksa-Märtyrer auch längst die Strategie vom "Befreiungskampf in den besetzten Gebieten" aufgegeben, sie morden auch in Israel. Andererseits macht auch Israel keinen Unterschied, ob ein völkerrechtlich illegaler jüdischer Siedler in besetztem Gebiet oder ein Israeli in Israel angegriffen wird. Außerhalb von Israel wird diese Unterscheidung hingegen immer öfter gemacht.

Wie der Wahnsinn zu beenden sei? Ein Verschwinden Arafats? Der Sturz Sharons? Die Situation schreit nach einer Intervention von außen. Aber vielleicht ist es ja immer noch nicht schlimm genug: Gespräche über den Abdullah-Plan, UNO-Beobachter in den Palästinensergebieten, es wird sie nicht geben, noch nicht geben. Das Sterben wird weitergehen.(Der STANDARD, Printausgabe 6.3.2002)

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