Kandidat mit Makel für Saddams Erbe

5. März 2002, 20:29
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Der ehemalige Generalstabschef der irakischen Armee, Nizar al-Khazraji, soll von den USA als Kandidat für die Hussein-Nachfolge in Frage kommen

"Bei Gott, ja", soll Nizar al-Khazraji geantwortet haben, als ihn jemand fragte, ob er sich wirklich US-Bomben auf sein eigenes Land - wo noch mindestens eine seiner Töchter lebt - wünschen würde, "die Zeit ist reif." Das macht ihn zum Kandidaten der Amerikaner: Der ehemalige irakische Generalstabschef soll auf einer Liste von Militärs, die nach einem Umsturz im Irak Saddam Hussein ersetzen können, ganz oben stehen.

Aber wie so oft deckt sich die Ansicht der Amerikaner nicht unbedingt mit der der Betroffenen: In Dänemark, wo der Sunnit Khazraji lebt, weil seiner Frau Asyl gewährt wurde (sein eigener Antrag wurde abgelehnt), bemühen sich Kurden, ihn vor Gericht zu stellen. Er war immerhin Chef der irakischen Armee, als diese in der Anfal-Kampagne in Irakisch-Kurdistan 1988 Tausende Menschen niedergaste, unter freundlicher Anteilnahme der USA, denn der Feind hieß Khomeini (nach irakischem Narrativ hatten die Iraner Khalabja besetzt, als die Iraker mit Giftgas angriffen - die Zivilisten waren also "Kollateralschaden").

Zur Verteidigung Khazrajis eilt aber auch Massud Barzani, Chef der irakischen KDP (Kurdischen Demokratischen Partei), der einen Brief an den dänischen Justizminister schrieb: Ali Hassan al-Majid, der "chemische Ali", gab den Giftgasbefehl, entlastet er Khazraji. Immerhin hatten auch Kurden Khazraji aus dem Irak herausgeholfen, als er 1996 seine Flucht über den Norden antrat. Von dort führte ihn das Exil nach Jordanien, Saudi-Arabien, Dänemark.

Seine Karriere in der Armee war schon früher zu Ende gewesen. Im August 1990, bei der irakischen Invasion in Kuwait, war Khazraji noch Generalstabschef, sein Name taucht aber in der einschlägigen Literatur nicht auf: Er wurde vom Einmarsch genau-so wenig im Vorhinein informiert wie der Verteidigungsminister. Sie war allein Angelegenheit der Republikanischen Garden, erst später wurden reguläre Truppen geschickt. Seine Entlassung im November 1990 weist eher darauf hin, dass er nicht den nötigen Enthusiasmus für die Invasion zeigte, andererseits war auch seine Ernennung 1987 angeblich eher aus Senioritätsgründen erfolgt. Wie auch immer, Khazraji wurde unter Hausarrest gestellt; als er um sein Leben zu fürchten begann, verließ er den Irak.

Peinlich für die USA wäre es, wenn nun die dänische Justiz Khazraji nicht zum geplanten großen Oppositionellentreffen im März in Washington ausreisen lassen würde, zu dem 200 irakische Exmilitärs kommen sollen. Sie haben eben wenig Glück mit ihren Oppositionellen: Der von ihnen gehätschelte Ahmed Chalabi, Chef des von der US-Regierung unterstützten Irakischen Nationalkongresses, kann nicht nach Jordanien reisen, weil er wegen Bankkrida sofort verhaftet würde.(Der STANDARD, Printausgabe 6.3.2002)

Von Gudrun Harrer
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