Der Po von Bagdad und des Pudels Kern

5. März 2002, 22:07
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"Causa" Kylie Minogue: Über "Wahrheiten" in Pop und Politik

Foto: EMI
Kylie Minogue:
"Fever" (EMI)


Von Christian Schachinger


Zwei Wochen sind vergangen, und noch immer rätselt die Fachwelt über den Po von Kylie Minogue. Man erinnere sich an ihren Auftritt bei den Brit Awards, der britischen Entsprechung der US-Grammys. Und man erinnere sich an dieses Nichts von Kleid.

Dieses gewährte wieder einmal tiefe Einblicke in die Physis des australischen Popstars, der im Vorjahr mit dem Song Can't Get You Out Of My Head groß abräumte und Madonna als Königinmutter im Musikgeschäft kurzfristig ablöste.

Grundtenor in der "Berichterstattung", die vom Privatfernsehen über die Klatschpresse bis ins deutsche Feuilleton ging: Wie schafft es eine Mittdreißigerin, ohne chirurgische Unterstützung derartige Idealmaße unter der Kleidung gerade noch so zu verstecken, dass sie jeder in voller Pracht sehen kann?!

In der anschließenden Debatte entwickelten sich Minogue und ihr Pressestab zu nichts weniger als einer modernen Ausgabe der Scheherazade, der Erzählerin der Märchen aus Tausendundeinernacht.

Von dort nach Bagdad ist es bekanntlich nicht weit. Ähnlich, wie die Morgenlandreise des einfachsten Parteimitglieds aller Zeiten von ihm selbst und seinen Wasserträgern kommentiert wurde, kommen auch von-seiten der Minogue seitdem Depeschen, die sich doch recht erheblich in ihrer Argumentation voneinander unterscheiden.

Natur pur

Das Management behauptet, alles an Kylie sei Natur pur. Ihre Schönheit ist gottgewollt. Anhand eines Fotovergleichs von Minogue in den 80er-Jahren und aktuellen Close-ups verwundert das zwar ein wenig. Immerhin erfuhr hier über die Jahre nicht nur die Brustpartie eventuell durch mehr als strenge Diäten und Kraftkammern eine Veränderung.

Dies wurde wiederum von Kylie selbst in einem Interview schon im Vorfeld der Brit Awards zur Sicherheit dementiert. Darin behauptet sie zum Hohn all jener Menschen, die sich tagtäglich in Fitnessstudios abmühen, dass sie ein derart fauler Mensch sei, dass sie sich körperlich überhaupt nicht damit abfinden könnte, sich auch nur einen Zentimeter mehr als nötig zu bewegen. Außerdem habe sie nicht vor, zu einer zweiten Cher zu werden.

Zweitens: Nachdem also sozusagen der Po bei den Brit Awards nackte Tatsachen geschaffen hatte, schwenkte Kylie dazu über, zu behaupten, dass ihr Vorzug zwar daher rühre, dass sie aufgrund einer in die Wiege gelegten Gottesgabe des "hard body" das Hungern und Rennen meiden könne wie der Veganer das Frühstücksei.

Disco tanzen

Allerdings könne man von Körperstählung insofern doch auch sprechen, als Kylie privat wie auf der Bühne derart viel Disco tanze, dass sich so möglicherweise ein Fitnesseffekt einstelle, dieser aber weit entfernt von Krafttraining sei. Verlautbart wurde dies jüngst in einem "Exklusiv-Interview" mit der BBC.

Millionen von Clubbern werden dem zwar insofern zustimmen, als nächtelanges Tanzen zwar definitiv nicht dick macht. Immerhin wird der Körper bei zusätzlicher Einnahme entsprechender Pillen derart dehydriert, dass junge Menschen aus den Discos kommen, die zwar handtellergroße Pupillen tragen, aber kein Gramm Fett auf dem Dancefloor herumschleppen.

Nur, der Muskelbildung in der Causa Kylie kommt das sicher nicht entgegen. Wir brauchen immerhin einen Knack-Po und keine ausgetrockneten Kamelhöcker hintenrum.

Die neueste Variante in der Po-Frage tauchte jetzt am vergangenen Wochenende in der britischen Yellow Press auf. Kylie sah offenbar ihre missglückte Verschleierungstaktik ein und behauptet jetzt nassforsch, dass sie sich doch wie der gewöhnlich Sterbliche auch nur durch jahrelanges Training im Fitnessstudio in derartige Form bringen habe können.

Eine Flucht nach vorn hin zur langen Nase von Pinocchio? Zahlreiche selbst ernannte Experten für Schönheitschirurgie (Immer wieder ein Dank an RTL Exklusiv!!!) behaupten nämlich längst, dass hier nicht nur im Gesicht geschnipselt worden sei.

Was bleibt, ist allerdings ein unbestreitbarer Fakt: Wer dem Publikum immer nur mit dem Hinterteil ins Gesicht fährt, der muss damit rechnen, dass auch darüber diskutiert wird - ob zum Beispiel der Wind in der Hose auch die Wahrheit mit sich trägt. Der Po von Bagdad.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 3. 2002)

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