"Spielregeln wurden nicht eingehalten"

5. März 2002, 22:34
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Weiter Spekulationen um Zugunfallursache

Wien - "Es ist eine ganz wesentliche Untersuchung, um die genaue Ursache für das Zugunglück feststellen zu können", kommentiert ÖBB-Sprecher Andreas Rinofner: Die technische Expertenkommission prüfte Dienstag erneut die Hauptbremsleitung des Unglückszuges von Wampersdorf und die von ihr zu den Rädern eines Waggons abzweigende Bremsleitung samt Ventil, das angeblich schon in Ungarn defekt gewesen sein soll.

Wäre das Ventil defekt gewesen, dort Druckluft ausgetreten, hätten sich alle Bremsen automatisch festgelegt, der Güterzug hätte nach dem Umkoppeln den Bahnhof Ebenfurth gar nicht verlassen können, erklären jedoch Eisenbahnexperten. Wäre das Ventil defekt und zusätzlich verstopft gewesen, sodass dennoch keine Luft hätte austreten können, dann wäre eben nur ein Waggon nicht zu bremsen gewesen - und nicht der ganze Güterzug, was schließlich zu sechs Todesopfern und 16 Schwerverletzten geführt hat.

Wie also konnte der Zug mit vermutlich 26 unbremsbaren Waggons überhaupt aus dem Bahnhof fahren? Michael Palfinger von der Arbeitsgemeinschaft Verkehrspolitik stellt dazu zwei Überlegungen an: Entweder seien die Waggons "nicht bremstechnisch verbunden" worden, oder der Defekt habe die Hauptbremsleitung selbst betroffen. Was in beiden Fällen bei der vorgeschriebenen Bremskontrolle hätte auffallen müssen.

Die Bremskontrolle funktioniere laut Palfinger so: Nach dem Wechseln der Lok und dem bremstechnischen Verbinden aller Waggons werde die Hauptbremsluftleitung mit rund fünf bar Überdruck gefüllt. Der Zug werde durch diesen Vorgang überhaupt bremsbereit gemacht.

"Einfache Bremsprobe"

Für die "einfache Bremsprobe" werde dann Luft abgelassen, der Druck gesenkt. Durch den Druckverlust müssten sich alle Bremsen leicht anlegen. Das Verschubpersonal müsse dann prüfen, ob auch beim letzten Waggon die Bremsen angelegt sind - nur dann sei das Bremssystem geschlossen. Danach werde der Druck in der Hauptleitung wieder auf fünf bar erhöht, lösten sich alle Bremsen ordnungsgemäß, was zu überprüfen sei, dürfe der Zug fahren.

Dass aufgrund Personalmangels die Bremskontrolle eventuell nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden wäre, bestreitet Rinofner. Früher sei zwar wesentlich mehr Personal für Verschub und Kontrollen zur Verfügung gestanden, doch erlaube es der technische Fortschritt der ÖBB heute mit weniger Personal auszukommen. Auch der Chef der Eisenbahnergewerkschaft, Wilhelm Haberzettl, moniert zwar, dass in den vergangen Jahren der Personalstand "von 120.000 auf heute nicht einmal mehr 50.000" reduziert worden sei, zu dem Unglück sei es aber gekommen, weil "die Spielregeln nicht eingehalten wurden".

Verbesserungsmöglichkeiten

Am Dienstag Abend im "Report" ortete Rechnungshof-Präsident Franz Fiedler Verbesserungsmöglichkeiten bei den ÖBB, um Zugsunglücke wie jenes von Wampersdorf in Zukunft zu vermeiden. Als Beispiel meinte Fiedler, man könnte bei sämtlichen Langsamfahrstellen induktive Zugsicherheitssysteme anbringen. Die ÖBB wiesen Dienstag Abend in einer Aussendung darauf hin, dass Rechnungshof-Präsident Franz Fiedler im "Report" von Investitionen in die Sicherheit in Höhe von 200 Mill. S gesprochen habe. Tatsächlich würden die ÖBB aber 200 Mill. Euro, also 2,8 Mrd. S investieren.

Ungeachtet der Ereignisse bei den ÖBB in den vergangenen Tagen solle man jedoch sehen, dass die Bahn nach wie vor der sicherste Landverkehrsweg sei, so Fiedler. Man sollte daher in keine Panik ausbrechen, wenn es zu Unfällen kommen. (fei, Der Standard, Printausgabe, 06.03.02, APA)

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