Lawinenabgang lässt viele Fragen offen

5. März 2002, 19:23
posten

Alpenverein bietet psychologische Unterstützung für Betroffene

Innsbruck - Nicht nur beim Österreichischen Alpenverein herrscht neben Betroffenheit auch Rätselraten. Dass bei einer geführten, gut vorbereiteten Tour des Österreichischen Alpenvereins zwei Frauen im flachen Gelände unter einer Lawine starben und insgesamt sechs Personen verschüttet wurden, hinterlässt Fragen. "Wir ziehen eine Reihe von Möglichkeiten in Betracht", sagt OEAV-Ausbildungsleiter Michael Larcher, ein erfahrener Sachverständiger.

Doch jeder Überlegung - ob Selbstauslösung, Fremdauslösung durch zwei andere private Tourengeher, die in den Hang einstiegen, oder gar eine Sprengung auf einer Skipiste oberhalb - folgt ein "aber". Die relativ niedrige Gefahrenstufe zwei bis drei, die geringe Hangneigung und auch die dünne Neuschneedecke von zehn bis 15 Zentimetern sprechen gegen die eine oder andere Begründung.

Larcher denkt auch an Unwahrscheinlichstes, an eine "extreme Fernauslösung": "Theoretisch" sei es denkbar, dass zwei Gruppen von 15 Personen auch am Talboden, trotz 40 Meter Entfernung vom Hang, ein Schneebrett 160 Meter oberhalb auslösen. "Aber" kaum bei diesen Bedingungen. Larcher wiederholt, was der Alpenverein seit ein paar Jahren schon betont: "Es bleiben Unwägbarkeiten. Von Sicherheit sprechen wir eh schon nicht mehr. Wir können nur Risiko reduzieren."

Erstmals Rat beim Psychologen

Erstmals hat der Alpenverein zur Unterstützung der Tourengeher und seiner zwei Bergführer beim Notfallpsychologischen Dienst Rat gesucht, einer Gruppe von Psychologen, die seit Galtür bei größeren Unglücken (etwa in Kaprun), aber auch bei Verkehrsunfällen Hilfe leistet.

Montagabend gab es eine ausführliche Besprechung mit der gesamten Gruppe. "Vor allem für jene, die völlig verschüttet waren, bis zu einer halben Stunde, war dies ein wichtiger Rahmen, sich mit ihren Kollegen, die sie ja ausgegraben und ihnen das Leben gerettet haben, auszutauschen", sagt der Psychologe Rudolf Morawetz.

Erste psychologischen Hilfe gab es schon bald nach dem Unglück vor Ort. "Nicht sofort, aber zwei, drei Stunden danach ist Unterstützung sinnvoll", meint Morawetz, "sobald jemand realisieren kann, was geschehen ist." Für Betroffene ist die Betreuung kostenlos. Allerdings, so Morawetz, seien nur die Dienste bei größeren Unglücken finanziert, nicht aber noch der Bereitschaftsdienst. (bs, Der Standard, Printausgabe, 06.03.02)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.