Heller als die Sonne Bagdads

7. März 2002, 22:07
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Der Irak verhandelt diese Woche mit der UNO in New York wieder über die Entsendung von Waffeninspektoren. Gleichzeitig behauptet Tony Blair, Saddam bemühe sich wieder um die Atombombe.

Psychologisch würde es ja bestens zu Saddam Hussein passen, wenn er weiter versuchen würde, in den Besitz der Atombombe zu kommen: Gerade die US-Drohung mit Nuklearwaffen hielt ihn während des Golfkriegs davon ab, seine B- und C-Waffen einzusetzen. Aber der Wunsch ist viel älter.

"Brighter Than the Baghdad Sun" heißen die einschlägigen Bücher oder "Saddam's Bombmaker", spannend sind sie, mit viel Insiderinformation und Dialogen mit einer Menge malerischen "Saddam grunzte" - als Zeichen einer leichten Unzufriedenheit beim irakischen Präsidenten. Aber wer sich die in den letzten Jahren auf den Markt gekommene Literatur über das irakische Atomwaffenprogramm zu Gemüte führt, weiß nachher viele Details und wenig vom Ganzen.

Dass Saddam Hussein schon in den 70er-Jahren begann, von Atomwaffen zu träumen, in den 80er-Jahren im ihm wohlgesonnenen Westen einkaufte, was er für die Gewinnung von angereichertem Uranium brauchte ("Don't ask, just sell", war dort die Devise), und in den Monaten zwischen dem Einmarsch in Kuwait (August 1990) und dem Golfkrieg (Jänner 1991) ein Crash-Programm verfolgte, um wenigstens eine Bombe - für mehr hätte das Material nicht gereicht - zu bekommen, ist seit spätestens Mitte der 90er-Jahre bekannt.

Keinerlei Ahnung hat man davon, wie die Geschichte weiterging, als die Inspektoren von UNO und IAEO - der in Wien ansässigen Internationalen Atomenergieorganisation - 1998 den Irak verlassen mussten.

Umso überraschender, wenn Großbritanniens Premier Tony Blair nun behauptet, Beweise dafür zu haben, dass der Iraker wieder an A-Waffen arbeiten lässt. Gleichzeitig kommt der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) mit der Nachricht heraus, dass Saddam in drei bis fünf Jahren wieder den Stand von 1990 erreicht haben wird. Damals war er 18 bis 30 Monate von Material für eine bis drei Bomben entfernt. Auch wenn das vage klingt, für US-Präsident George Bush ist es ein weiteres Steinchen im Mosaik - neben den Spekulationen, welche chemische und biologische Waffen Saddam schon wieder in petto haben könnte und wie weit sein Langstreckenraketenprogramm wieder gediehen ist.

Laut BND sind die Iraker jedenfalls dabei, eine zerstörte Uranerzmine wieder herzustellen, sie hätten auch versucht, für die Anreicherung spaltbaren Materials nötige Chemikalien auf dem internationalen Markt zu erwerben. Es gilt als ausgemachte Sache, dass die USA in irgendeiner Form gegen Saddam vorgehen werden.

Westlicher Beitrag

Analysten gehen ja seit Jahren davon aus, dass auch der Grund für den Golfkrieg nicht die Befreiung Kuwaits - dessen Invasion da so ungelegen nicht kam - war, sondern Saddams Massenvernichtungswaffenprogramme zu stoppen, zu denen man vorher allerdings einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet hatte.

Eines der Details: Noch 1988 (das Jahr des Giftgasangriffs in Halabja) stellten die USA dem Irak Spionagesatellitenaufnahmen zur Verfügung - nach deren Analyse die Iraker ihre Waffenanlagen dann versteckten. Genauso gelang es ihnen, bei schon laufendem Atomwaffenprogramm einen Iraker, Abdulwahid al-Saji, als Inspektor bei der IAEO unterzubringen, der dann genaue Informationen darüber besaß, wie Inspektionen funktionierten.

Das Trauma eines Saddam Hussein, der noch viel mehr an Massenvernichtungswaffen besaß und plante, als die USA geahnt hatten, sitzt tief: Wenn also am Donnerstag in New York UNO-Generalsekretär Kofi Annan und der in Österreich wohl bekannte irakische Außenminister Naji Sabri al-Hadithi (der ehemalige irakische Botschafter in Wien hat den Haider-Besuch eingefädelt) zusammentreffen, um über die mögliche Entsendung von UNO-Waffeninspektoren zu beraten, machen sie die Rechnung möglicherweise ohne den amerikanischen Wirt. Man kann davon ausgehen, dass Bush die Forderungen an den Irak so hoch ansetzen wird, dass dieser sie kaum erfüllen kann.

IAEO-Kontrollen

Die IAEO kontrolliert übrigens auch jetzt noch einmal pro Jahr, ob die "bekannten" irakischen Bestände an nuklearrelevantem Material unangetastet sind, das hat mit der UNO-Abrüstungsmission nichts zu tun. Laut Auskunft der Organisation - wo man die Blairschen Deliberationen mit großem Interesse verfolgt - ist alles da, wo es sein müsste.

Aber darauf vertrauen, dass wirklich nichts undeklariertes Nukleares im Irak läuft, würde die IAEO wohl nicht mehr so schnell. Sie war 1995 (und auch schon vorher) kurz davor, dem Irak einen Persilschein auszustellen, als das Crash-Programm, die ultimative Anstrengung, eine Bombe herzustellen, aufflog.

Saddam-Schwiegersohn Hussein Kamel, Industrie-und Rüstungschef, floh im August 1995 nach Jordanien, mit Informationen über irakische Waffenprogramme im Sack, wodurch wiederum Saddam im Irak unter Zugzwang geriet und wieder einmal den UNO-Abrüstern ein Stückchen Wahrheit herausrückte - unter anderem das Crash-Programm von 1990.

Die IAEO hatte damals eine ziemlich schlechte Presse, namentlich der (1997 verstorbene) Irak-Beauftragte Maurizio Zifferero, dem auch der oben erwähnte "Bombenmacher Saddams", Khidhir Hamza, in seinem Buch unterstellt, zumindest eine kleine Schwäche für seine ehemaligen Geschäftspartner im Irak gehabt zu haben - er hatte früher italienische Firmen vertreten, die den Irak mit nuklearrelevantem Material versorgten.

Nach der Aufdeckung des Crash-Programms stellte Zifferero dieses unter anderem in einem STANDARD-Interview als ziemlich verzweifeltes Unterfangen dar - die Atomphysiker hätten sich nicht getraut, Saddam die Sinnlosigkeit einzugestehen und wurden durch den Golfkrieg quasi "gerettet". Vielleicht ist es auch professionelle Eitelkeit, dass der 1994 aus dem Irak geflohene Hamza, bisher der ranghöchste nukleare Überläufer, das anders sieht. Als er sich in den Westen absetzte, nahm man die irakische Atomagenda übrigens noch so wenig ernst, dass es eine ganze Weile brauchte, bis sich die CIA für ihn überhaupt interessierte: Als sie dann kapierte, was der Mann an Informationen mitbrachte, erfüllten sie allerdings recht schnell seine Bedingung, seine ganze Familie in einer waghalsigen Aktion aus dem Nordirak herauszubringen.

Österreich kommt bei Hamza übrigens auch vor, ziemlich lapidar schreibt er: "Während ich wichtige Bombenkomponenten in Deutschland bekam, verkaufte uns eine Firma in österreichischem Staatsbesitz große Polmagneten für Calutrone (Isotopentrennanlage) oder Beschleuniger zur Anreicherung von Uran. Niemand fragte uns, was wir damit machen würden."


(DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2002)
Von Gudrun Harrer
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