Lagos: Wir müssen dem Beispiel Europas folgen

5. März 2002, 18:36
posten

Der chilenische Präsident kritisiert die bisherige neoliberale Wirtschaftspolitik in Lateinamerika

Santiago - Standard: Befürchten Sie, dass die Krise im Nachbarland Argentinien auf Chile übergreift?

Lagos: Den so genannten Tangoeffekt haben wir bisher nicht gespürt. Aber ich gebe zu, dass wir Angst haben, davon betroffen zu werden. Ich sehe alles trotzdem mit sehr viel Optimismus, aufgrund der soliden Zahlen der chilenischen Wirtschaft. Wir haben einen Überschuss in unserer Zahlungsbilanz. Unsere Wirtschaft wächst trotz der Schwierigkeiten in der Welt.

Standard: Was passiert, wenn die Argentinienkrise anhält?

Lagos: Die ganze Region wäre davon wegen eines Rückgangs der Investitionen betroffen. Wir hätten große Schwierigkeiten auf den Finanzmärkten und wir wären mit Sicherheit gezwungen, die heutigen Integrationssysteme (Anm.: den Wirtschaftsverbund Mercosur) neu zu überdenken.

Standard: Zeigt der wirtschaftliche Zusammenbruch Argentiniens nicht auch die Kehrseite der Versprechungen des Neoliberalismus?

Lagos: Ja. Wenn man glaubt, dass man schneller ans Ziel kommt, um zu Fortschritt und zur Lösung sozialer Probleme zu kommen, so ist das falsch. Der einzige Weg ist, mit Effizienz zu arbeiten und zu sichern, dass die Ergebnisse des Wachstums den Menschen zum Vorteil gereichen.

Standard: Aber gerade in Lateinamerika kommen viele nicht in den Genuss dieser Vorteile, wie auch das Beispiel Argentinien zeigt.

Lagos: Das ist im Moment so. Das lange Zeit praktizierte Rezept besagte, dass wir alles privatisieren müssen. Ich glaube auch, dass viele Staatsaktivitäten privatisiert gehören. Aber man muss auch garantieren, dass die Früchte der Privatisierung nicht durch die Finger schlüpfen, sondern für eine reale produktive Investition benutzt werden. Das hat man bisher in Lateinamerika nicht gut gemacht. Das sieht man vor allem in Ländern, die heute große Schwierigkeiten haben.

Standard: Wie sehen Sie die Zukunft Lateinamerikas, wo es derzeit in manchen Ländern sogar Bürgerkrieg gibt?

Lagos: Ich glaube, wir müssen dem Beispiel Europas folgen. Dort wurde Wachstum mit der Schaffung eines sozialen Netzes kombiniert. Die Zukunft Lateinamerikas ist auch von einem größeren Integrationsgrad abhängig. Im 21. Jahrhundert werden die Blöcke oder Länder, die groß wie ein Kontinent sind, an Bedeutung zunehmen. Deswegen sind für unsere Zukunft in der globalisierten Welt enorme Integrationsanstrengungen nötig. (afs, Der STANDARD, Printausgabe 6.3.2002)

Ricardo Lagos ist seit zwei Jahren Staatsoberhaupt Chiles. Der 63-Jährige ist nach dem 1973 ermordeten Salvador Allende der erste Sozialist im Präsidentenamt. Chile gilt als ökonomisches Musterland Lateinamerikas.
  • Artikelbild
    foto: epa/cris bouroncle
Share if you care.