Jenseits simpler Abschreckungslogik

6. März 2002, 09:44
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Neue transatlantische Herausforderungen nach dem 11. September

Wien - Tausend Rosen streute US-Botschafter Lyons Brown gleich zu Beginn der Nato: Sie sei die erfolgreichste Allianz der Geschichte, ein Eckpfeiler der globalen Sicherheitsstrukturen, und Amerikaner und Europäer seien "nicht nur Verbündete, sondern Freunde". Brown ließ keinen Zweifel daran, dass der Einsatz der Nato im Kampf gegen den Terrorismus noch lange nicht vorüber sei: "Wir können es uns nicht leisten, nachlässig zu werden." Aber: "Wir sind zum Sieg entschlossen."

Am Dienstag hatte die Wiener US-Botschaft gemeinsam mit der Diplomatischen Akademie zu einem Seminar geladen, in dem über neue Herausforderungen für die transatlantische Sicherheitszusammenarbeit nach dem 11. September gesprochen wurde. Michael Moodie, Präsident des "Instituts für die Kontrolle von biologischen und chemischen Waffen" (CBACI) in Washington, wies in seinem Phantombild des internationalen Terrorismus darauf hin, dass sich dieser keineswegs nur gegen die USA richte: "40 Prozent der Opfer des 11. September waren keine amerikanischen Staatsbürger, insgesamt waren 80 verschiedene Länder betroffen."

Sprachprobleme

Moodie erwähnte die anhaltende Schwierigkeit, sich auf eine allgemein verbindliche Definition für "Terrorismus" zu einigen, und benannte auch sonstige Sprachprobleme: Die "Achse des Bösen" erschien ihm etwa als "gute Formulierung für eine innenpolitische Rede in den USA." Im außenpolitischen Gebrauch sei die durch diese Formel implizierte Gleichsetzung von Irak, Iran und Nordkorea in ihrer Wirkung aber doch weniger günstig.

Anderer Ansicht war der Politologe Richard J. Harknett von der Universität Cincinnati: Der Begriff der "Achse" lasse viel Spielraum dafür offen, wie nun mit den einzelnen Bestandteilen der Achse politisch und militärisch umgegangen werden müsse.

Harknett entwarf ein hochkomplexes Szenario für ein Sicherheitssystem, das den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts angepasst sein könnte. Anders als in der relativ simplen Abschreckungslogik des Kalten Krieges habe man es nun mit einer Welt zu tun, in der Staaten, "Strohmänner" von Staaten und schließlich vernetzte terroristische Zellen als Sicherheitsbedrohungen aufscheinen. Diese Konstellation erfordere enorme Anstregungen, um so elementare Konzepte wie "Abschreckung", "Verteidigung" oder "präventiver Angriff" neu zu definieren und neu miteinander zu verknüpfen.(Der STANDARD, Printausgabe 6.3.2002)

Von Christoph Winder
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