Argentiniens ansteckende Krise

5. März 2002, 18:39
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Adolfo Pérez Esquivel hofft auf die Entstehung neuer sozialer Bewegungen und kritisiert die Hegemonialbestrebungen der USA

Buenos Aires - Adolfo Pérez Esquivel ist derzeit viel unterwegs. Der 71-jährige Argentinier, der 1980 für sein Engagement für Menschenrechte mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist aktiver denn je: Argentiniens Krise betrachtet der Chef des kirchlichen Vereins "Servicio Paz y Justicia" (Dienst für Frieden und Gerechtigkeit) auch als Chance.

Er ist dabei, im ganzen Land Volksversammlungen zu organisieren. "Wir müssen neue politische Räume schaffen. Die bisherige Art, Politik zu machen, gilt nicht mehr." Pérez Esquivel hofft, dass aus den Massenprotesten eine neue soziale Bewegung entsteht, die den Kampf gegen die Armut als zentrale Aufgabe begreift. Denn erstmals demonstriere auch die Mittelschicht Argentiniens, die von der Kontensperre und der Abwertung stark betroffen sei. "Als die Taschen dieser Klasse betroffen wurden, sind auch die erstmals herausgekommen, um zu protestieren."

Verantwortlich für die Misere: Banken, Politiker und Regierungen

Für Pérez Esquivel gibt es "konkret Verantwortliche" für die Misere: "Die Banken, die Politiker, die Regierungen. Sie haben einen Raub der nationalen Ressourcen ohnegleichen erlaubt." Dass Politiker sich nicht mehr auf die Straße trauen könnten ohne Angst, von den Menschen angegriffen zu werden, hätten sie sich selbst zuzuschreiben. Pérez Esquivel, einer der Wortführer für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung und Hauptredner beim Weltsozialforum in Porto Alegre, sieht schwarz: "Was in Argentinien passiert ist, kann in allen anderen lateinamerikanischen Ländern geschehen."

Pérez Esquivel fürchtet auch die Macht des "großen Bruders" im Norden. "Die USA wollen Hegemonie auf dem ganzen Kontinent. Wir haben hier Regierungen ohne Courage und Entscheidungswillen, die total dominiert sind von der Politik der Nordamerikaner. Wenn die USA es schaffen, ihr hegemoniales Projekt durchzusetzen, dann wird das auch zu einer gefährlichen Remilitarisierung Lateinamerikas führen." Europa könnte gegensteuern, indem es bilaterale Abkommen schließt, Projekte finanziert und in Lateinamerika investiert. "Ich rede nicht nur von Solidarität, sondern auch von wirtschaftlichem Interesse."

Kriege um Märkte

Seine Prognose: "Die nächsten Kriegen werden nicht wegen Territorien stattfinden, sondern um Märkte. Wir sind schon mitten drin in diesem Krieg der Märkte." Aber das Beispiel Argentinien zeige, dass der pure Neoliberalismus gescheitert sei und es keine wirtschaftliche Entwicklung ohne soziale Dimension gebe.

Positiv sei, dass die Militärs in Argentinien derzeit ruhig blieben, meint Pérez Esquivel, der während der Militärdiktatur (1976-1983) eineinhalb Jahre in Haft saß. "Es gibt insgesamt auch sehr viel Hoffnung. Die Argentinier sind ein Volk, das diese Probleme überwinden kann."(Der STANDARD, Printausgabe 6.3.2002)

Standard-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid sprach auf einer Rundreise durch Lateinamerika mit den Präsidenten Chiles und Perus sowie mit dem argentinischen Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel.
  • Kontensperren und der Umstieg vom Dollar veranlassten in Argentinien erstmals den Mittelstand zu wütenden Straßenprotesten.
    foto: epa/ali burafi

    Kontensperren und der Umstieg vom Dollar veranlassten in Argentinien erstmals den Mittelstand zu wütenden Straßenprotesten.

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