Irlands Abtreibungsverbot: Ein Referendum als Farce

7. März 2002, 13:06
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Auch nach der Abstimmung am Mitwoch wird die Abtreibung in Irland nicht legal sein

Die Iren stimmten am Mittwoch ein weiteres Mal über eine Änderung des Gesetzes zum Schwangerschaftsabbruch ab. Nach der Regierungsvorlage soll das bestehende Abtreibungsverbot noch verschärft werden.

Selbstmorddrohung keine Rechtfertigung

Es gibt keinen legalen Schwangerschaftsabbruch in Irland; und das wird auch so bleiben, gleichgültig, ob die StimmbürgerInnen am heutigen Mittwoch Ja oder Nein sagen. Die Regierung schlägt vor, dass die Drohung einer schwangeren Frau mit Selbstmord künftig keine Rechtfertigung für eine Abtreibung mehr sein soll.

Gleichzeitig werden lebensbedrohende physische Krankheiten der werdenden Mutter offiziell als Indikation anerkannt. Der indirekt in der Verfassung zu verankernde Gesetzestext könnte dann nur durch eine weitere Volksabstimmung geändert werden.

Frauen müssen ins Ausland reisen

Zwischen sechs- und siebentausend irische Frauen reisen jedes Jahr mit dem Boot oder dem Flugzeug nach Großbritannien, um ihre unerwünschte Schwangerschaft beenden zu lassen. Etwa jede zehnte irische Schwangerschaft endet somit vorzeitig - das entspricht durchaus der europäischen Norm.

Trotz dem streitet die irische Gesellschaft dieser Tage wieder einmal erbittert um gynäkologische und theologische Spitzfindigkeiten, wie wenn die Tatsache allein, dass diese Eingriffe anderswo stattfinden, dem grünen Irland einen besonderen Heiligenschein verliehe.

Staatschutz fürs Leben

1983 verankerten die StimmbürgerInnen mit klarer Mehrheit einen hehren Grundsatz in der irischen Verfassung: Der Staat verpflichtet sich seither, das ungeborene Leben - so gut wie möglich - zu schützen, unter gebührender Berücksichtigung des gleichwertigen Lebensrechts der Mutter. Niemand weiß, was das im Einzelfall bedeutet, aber in katholischen Ohren klingt es gut. Der Gesetz geber weigert sich indessen seit mittlerweile 19 Jahren standhaft, Ausführungsgesetze zu erlassen.

Politische Feigheit

Diese ausschließlich auf politischer Feigheit beruhende Trägheit rächte sich schon 1992. Damals machte das Schicksal eines 14-jährigen Mädchens weltweit Schlag zeilen - und Irland schämte sich. "X", wie sie genannt wurde, war von einem Nachbarn und Freund der Familie vergewaltigt und geschwängert worden. Der irische Generalstaatsanwalt erwirkte eine einstweilige Verfügung des obersten Gerichtshofes: Die werdende Mutter habe für neun Monate in Irland zu bleiben, womit die geplante Abtreibung vereitelt werden sollte.

Während Wellen der internationalen Empörung über die IrInnen, die doch so gern geliebt sein möchten, hereinbrachen, erlaubte der Supreme Court die Ausreise. Das verzweifelte Mädchen hatte mit Selbstmord gedroht, ergo war sein eigenes Leben in Gefahr: Die Richter trafen die in der Verfassung angedeutete Wahl.

Starrer Kodex

Niemand weiß seither von einer Abtreibung auf irischem Boden zu berichten. Weder Inzest noch Vergewaltigung noch die Lebensunfähigkeit des Embryos werden als hinreichende Grundlage anerkannt. Der starre Kodex der irischen Ärzteschaft verhinderte, dass der Suizidverdacht zum "Persilschein" wurde.

Premierminister Bertie Ahern, der in wenigen Wochen Neuwahlen ansetzen muss, lancierte seine eigene Kampagne mit dem Aschekreuz des devoten Messgängers auf der Stirn. Aber Irland reagiert nicht wie Pawlows Pudel, sondern mit steigendem Missmut; die Einbindung in eine weitere Welt und der rapid gestiegene Wohlstand lassen fromme Wünsche verblassen. Ein Rätsel bleibt, ob jene hunderttausend stummen Frauen, die tatsächlich in England abgetrieben haben, Nein sagen werden - und das ist wohl die wahre Tragödie.
(DER STANDARD, Printausgabe, 06.03.2002)

von Standard- Korrespondent Martin Alioth aus Dublin
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