Sprachwissenschafter zu Deutschkursen: "Fachlich nicht zu rechtfertigen"

5. März 2002, 14:40
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Deutsch-Professor Krumm will sich nicht für "fachliches Alibi" hergeben

Wien - Die Integrationsvereinbarung der Regierung sei eine "Hochstapelei", kritisiert der Sprachwissenschafter Hans-Jürgen Krumm in der neusten Ausgabe der Wochenzeitung "Furche". Der Professor für den Fachbereich Deutsch als Fremdsprache an der Uni Wien meint, die 100 Stunden Sprachuntericht "sind so lächerlich, dass wir da überhaupt nicht über ein ernsthaftes Sprachlernangebot reden können". Die Integrationspoltik der EU sei "bestimmt" weiter als in Österreich, so Krumm.

Er wirft der Regierung vor, Fachleute nicht befragt zu haben. "Das Integrationskonzept halten wir fachlich für einen Rückschritt und für unzumutbar". Krumm: "Ich gehöre in Deutschland einem Fachbeirat (zur Erarbeitung eines Integrationskonzepts, Anm.) an. In Österreich aber sollen wir nur bei der Umsetzung helfen. Damit würden wir uns als fachliches Alibi für etwas hergeben, was fachlich nicht zu rechtfertigen ist".

Lernen braucht Zeit

Was den Sprachunterricht betrifft, müsse man bedenken, dass "Lernen Zeit braucht". Ein Schnupper- oder Orientierungskurs könne sehr nützlich sein, "wenn es ohne Prüfung und ohne Druck geschieht". Sprachunterricht vertrage am Anfang auch gar keine Prüfungen, "denn um in einer fremden Sprache zu sprechen, muss ich Risiken eingehen. Ich muss mich auf fremdes Terrain wagen. Ich muss einkalkulieren, dass ich Fehler mache und trotzdem den Mund aufmachen. Das kann ich nicht, wenn ich Angst davor habe, durchzufallen".

Krumm versucht einen Vergleich mit amerikanischen Krimis, in denen es heißt, "sie dürfen die Aussage verweigern, alles was sie sagen, darf vor Gericht gegen sie verwendet werden". Bei der Integrationsvereinbarung "lautet das Sprüchlein so: Sie müssen den Sprachkurs machen und die Hälfte selbst bezahlen. Sie müssen in dem Sprachtest reden, aber alles was Sie sagen, wird eventuell als Fehler, als Ausweisungsgrund gegen Sie benutzt. Das ist ein Widerspruch in sich. Mit dieser Strafandrohung kriegt man niemanden zum Reden. Das widerspricht den elementaren Rechten, sich nicht selbst zu schaden".

Die EU dagegen habe ein generelles Konzept, das besage, für Zuwanderer müsse man einerseits die Herkunftssprache und Herkunftskultur respektieren und den Migranten Erhaltungsangebote machen und andererseits einen guten Zugang zur Sprache des Aufnahmelandes ermöglichen. "Diese EU-Entschließungen trägt Österreich alle voll mit, und sie sind von den zuständigen Regierungsmitgliedern unterschrieben. Die Integrationsvereinbarung fällt fachlich und sprachenpolitisch aber weit dahinter zurück", so Krumm. (APA)

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    Das neue Integrationspaket der Regierung sieht verpflichtende Deutschkurse vor. Sprachwissenschafter Krumm kritisiert das Angebot von 100 Stunden Unterricht als "lächerlich".

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