"Große Haie geschnappt"

5. März 2002, 20:07
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Drogenbilanz: Ein Drittel mehr Verbrechen, Gift um 15 Millionen Euro konfisziert

Wien - In der Jahresabrechnung für 2001 fehlen den Buchhaltern der Drogenmafia 15 Millionen Euro. Eine Umrechnung in die Altwährung lässt den Erfolg heimischer Drogenfahnder noch größer erscheinen: 206,41 Millionen Schilling. So viel wären die illegalen Suchtgifte, die im Vorjahr in Österreich aus dem Verkehr gezogen wurden, auf dem Schwarzmarkt wert gewesen. Laut neustem Drogenbericht, den Innenminister Ernst Strasser Dienstag vorstellte, erreichten sowohl sichergestellte Mengen als auch Anzeigen neue Höchstwerte.

2366 Menschen wurden angezeigt, weil sie eines Verbrechens, also Drogenhandels im größeren Stil, verdächtigt wurden. Das bedeutet im Vergleich zu 2000 eine Zunahme um rund ein Drittel. Aber auch die Vergehensanzeigen, hauptsächlich gegen Drogenkonsumenten, stiegen um ein Fünftel auf 18.936 an. Die Sicherstellungsbilanz nach Substanzen: 108 Kilogramm Kokain (2000: 20 Kilo), 288 Kilo Heroin (2000: 230 Kilo), 256.299 Ecstasypillen (2000: 162.093 Stück). Nur bei Cannabis gab es eine Rückgang von 1805 auf 420 Kilo.

Die Großen geschnappt

"Es ist uns gelungen, nicht nur die kleinen Fische, sondern auch große Haie zu schnappen", bewertete Strasser die Statistik. Er führt die starken Zuwächse bei den Mengen auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen habe die Professionalität des Polizeiapparats zugenommen, ebenso wie die internationale Vernetzung der Exekutive. Zum anderen sei der eine oder andere "Einmalerfolg dabei", beispielsweise der Rekordaufgriff von rund 130 Kilogramm Heroin im Jänner des vergangenen Jahres in Wels.

Der "Zustrom" an Drogen nach Österreich sei "unvermindert", erklärte Karl Lesjak, der Leiter der Zentralen Stelle zur Bekämpfung der Suchtmittelkriminalität. Nach wie vor gebe es zwei Hauptrouten: Heroin werde von Asien über die Türkei nach Europa geschmuggelt, aus Südamerika stammendes Kokain gelange via Kroatien in den westeuropäischen Raum. Die Wege der Drogenmafia werden gemeinsam mit Europol analysiert. Sicherheitsgeneraldirektor Erik Buxbaum kündigte an, spezielle Verbindungsbeamte in Balkanländer zu entsenden.

Suchtgiftgruppen

Die Bündelung der heimischen Ressourcen im Rahmen des Bundeskriminalamtes obliegt Kripo-Chef Herwig Haidinger. In den Landeshauptstädten Graz und Innsbruck sind seit 1. März zusätzliche Suchtgiftgruppen bei der Polizei installiert. Haidinger: "Dort hat sich kurzfristig gestiegenen Handlungsbedarf ergeben".

Spezielle Drogenkontrollen im Straßenverkehr hält Strasser zurzeit für unmöglich. "Wir haben noch kein Gerät, mit dem die Beeinträchtigung der Verkehrstüchtigkeit durch illegale Suchtgifte festgestellt werden kann. Aber wir arbeiten daran", so Strasser.

Die Grünen kritisierten, dass ein Großteil aller Anzeigen immer noch Cannabiskonsumenten betreffe. Diese Kriminalisierung und sinnlose Verfolgung sollte wie in anderen europäischen Ländern beendet werden, forderte der Grünen-Abgeordnete Dieter Brosz. (simo, Der Standard, Printausgabe, 06.03.02)

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Drogenbericht 2001

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