US-Konjunkturlok ermöglicht Weltwirtschaft Erholung

5. März 2002, 09:53
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Euroland schwenkt später auf Erholungskurs ein

Frankfurt - Die Weltbörsen preisen schon wieder die Rückkehr der amerikanischen Konjunkturlokomotive, die die Weltwirtschaft aus dem Tal von Stagnation und Rezession herausziehen wird. Ulrich Beckmann von Deutsche Bank Research in Frankfurt sieht die Börsen in die richtige Richtung marschieren, wiewohl er auf Rückschlagsrisiken auf Grund von Gewinnmitnahmen aufmerksam macht. Stephen S. Roach von Morgan Stanley in New York warnt vor dem blinden Glauben an einen US-geführten globalen Aufschwung und zeigt auf das Risikopotenzial bei einem auf sechs Prozent des BIP steigenden US-Leistungsbilanzdefizit.

Aber die seit den letzten US-Konjunkturdaten ermutigten Haussiers an Wall Street und von hier ausströmend an fast alle Weltbörsen haken solche Hinweise auf fundamentale Schwachstellen der US-Wirtschaft gegenwärtig schon wieder schnell ab und blicken mit den Kursen nach oben. Was die Börse zurzeit handelt, entspricht dem Basis-Szenario der Deutschen Bank Research "solider Aufschwung" mit "immerhin 50 Prozent Wahrscheinlichkeit". Dem werden zwei Risikoszenarien mit je 25 Prozent Wahrscheinlichkeit zur Seite gestellt, eines für "Überhitzung" und eines für Rezession/Deflation, jedes Szenario mit unterschiedlichen geldpolitischen Reaktionen von Fed und EZB.

2002 auf Erholungskurs

Die Weltwirtschaft schwenkt 2002 auf Erholungskurs ein, der Aufschwung wird vor allem von den USA getragen mit einem Anziehen der Wachstumsrate auf 4-1/2 Prozent annualisiert zum Jahresende. Euroland folgt verspätet und mit einem Wachstumstempo von 3 Prozent annualisiert, was bekanntlich über dem von der EZB angenommenen Wachstumspotenzial läge.

Die Fed leitet Mitte 2002 eine vorsichtige Zinswende ein, die EZB folgt frühestens im Herbst. So sieht die von der Deutschen Bank im Basisszenario gezeichnete Welt aus, auf die die Haussiers schon jetzt voll an den Aktienmärkten setzen. An die beiden Risiko-Szenarien denken sie nicht.

Keinen blinden Glauben

Roach warnt die Haussiers an Wall Street wie auch die Wirtschafts- und Geldpolitiker in Europa vor dem blinden Glauben an die neue Zugkraft der US-Kojunktur. Der Chief-Economist von Morgan Stanley weiß, dass er mit seiner Skepsis schon fast alleine steht im neuen Mut; er bezweifelt die Berechtigung des großen Jubels über die auf 1,4 Prozent nach oben revidierte annualisierte US-Wachstumsrate im 4. Quartal 2001, da hier Sondereinflüsse am Werk waren: Von November 2001 bis Jänner 2002 sei es in den USA so warm gewesen wie seit 106 Jahren nicht, das starke Wachstum sei nur durch die Saisonbereinigung entstanden.

Die Aufforderung ihres US-Chefökonomen, der Rest der Welt dürfe und könne sich nicht auf die Zugkraft der US-Konjunkturlok verlassen, nehmen Joachim Fels und Elga Bartsch von Morgan Stanley in London inhaltlich voll auf und vertreten als EZB-Watcher eine Minderheitsmeinung mit der gleichen Logik: Die EZB werde und sollte ihre Zinsen in diesem Jahr doch nochmals klar senken, und zwar um 50 Basispunkte; zuvor hatten Fels und Bartsch sogar noch 75 Basispunkte EZB-Zinssenkung erwartet bzw. für richtig gehalten.

NBER: Talsohle durchschritten

Die amerikanische Konjunktur hat auch nach Einschätzung des US-Forschungsinstituts National Bureau of Economic Research (NBER) möglicherweise die Talsohle durchschritten. "Es ist möglich, dass wir uns in einer Erholungsphase befinden", sagte das NBER-Mitglied Victor Zarnowitz am Montag (Ortszeit) in Washington.

(APA/vwd)

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