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4. März 2002, 20:58
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Projekt an den drei Grazer Unis stattet Frauen mit dem nötigen Rüstzeug für den Weg nach oben aus

Männerseilschaften und "gläserne Decken" sind für Wissenschafterinnen die stillen großen Hindernisse ihrer Karriere. Ein Projekt an den drei Grazer Unis stattet Frauen mit dem nötigen Rüstzeug für den Weg nach oben aus.


"Weit über dem Geschlecht steht mir die Wissenschaft", schrieb die Germanistin Christine Touallion 1919 im Vorwort ihrer Habilitationsschrift. Umgehend musste sie erfahren, dass ihre männlichen Kollegen am Grazer Institut für Germanistik das anders sahen: Mit der Studie "Der deutsche Frauenroman des 18. Jahrhunderts" stellte Touallion ein Ansuchen auf eine Lehrbefugnis für Neuere Deutsche Literaturgeschichte. Diese wurde ihr verwehrt, weil man bezweifelte, dass "Frauen überhaupt imstande sind, auf junge Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren, in dem bestimmte spezifisch männliche Eigenschaften am stärksten hervortreten, den erforderlichen pädagogischen Einfluss zu nehmen".

Professorinnenanteil nicht zeitgemäß

Für Ilse Wieser, Leiterin der Interuniversitären Koordinationsstelle für Frauen- und Geschlechterforschung in Graz, ist das ein Fall von vielen, in dem Unis aus sexistischen Gründen "auf wertvolle wissenschaftliche Ressourcen verzichteten". Auch heute sei der Professorinnenanteil an den Grazer Unis "noch immer nicht zeitgemäß": An der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Karl-Franzens-Universität etwa gibt es keine einzige Professorin. "Spitzenreiterin" ist die juridische Fakultät - hier sind von 27 Professoren immerhin drei weiblich. An der Technischen Universität und an der Kunstuni ist die Verteilung ähnlich.

Um Wissenschafterinnen beim Durchbrechen der "gläsernen Decke" zu unterstützen, organisierte die Koordinationsstelle im Vorjahr den Lehrgang "Frauen an der Universität" für Forscherinnen der Grazer Unis, die zwischen Dissertation und Habilitation stehen. Ein Pilotprojekt im deutschsprachigen Raum, das heuer im Februar erfolgreich fortgesetzt wurde. "Alle Seminare sind voll, und an der Uni Wien gibt es bereits ein Tochterprojekt", so Wieser.

Strukturen erkennen

Trainerinnen und Expertinnen behandeln Themen wie Dienstrecht, Durchsetzungsstrategien, Umgang mit Führung und Erfolg oder gendersensible Lehre. Einen Schwerpunkt bilden die informellen Strukturen in akademischen Betrieben. Wieser: "Frauen scheitern oft an Männerseilschaften, darum ist es wichtig, dass auch sie sich vernetzen - aber in transparenten Strukturen." Dass alle drei Unis an dem Projekt teilnehmen, sei wesentlich, da "alle Frauen in patriarchalen, fundamentalistischen Institutionen Gleiches erleben".

Christine Touallion habilitierte übrigens ein Jahr später mit derselben Arbeit in Wien - an der Grazer Germanistik mussten weitere 74 Jahre vergehen, bis 1993 mit Beatrix Müller-Kampel die erste Frau habilitieren konnte.
( Colette M. Schmidt)

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3. 2002)

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