Unireform: Tarnen und täuschen

4. März 2002, 20:46
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Was derzeit passiert, gehört nicht ins Bildungs-, sondern ins Heeresressort

Die österreichische Öffentlichkeit hat sicher noch nicht begriffen, was sich momentan auf dem Bildungssektor abspielt: die Zerschlagung der traditionellen Universitäten in einer Form, wie sie nicht einmal von den 68ern beabsichtigt wurde. Die Errichtung eigener medizinischer Universitäten würde letztlich eine Dynamik auslösen, die in Fragen münden könnte wie: Warum nicht auch Rechtsuniversitäten? Warum nicht eine eigene Rechtsform für die theologischen Fakultäten? Ganz abgesehen vom künftigen bürokratischen Aufwand unter einer Regierung, die ständig behauptet, der Sparsamkeit verpflichtet zu sein. Die traditionelle Universität lebt immer noch von der Utopie, dass die Philosophie eine überwölbende Disziplin für alle Fakultäten sei. Und dass die Bildungsideale, auf denen die westliche Zivilisation fußt, die Ausbildungsziele der Unis dominieren.

Was derzeit passiert, gehört nicht ins Bildungs-, sondern ins Heeresressort. Es wird getarnt und getäuscht. Den Unis wird die Selbstständigkeit versprochen, in Wirklichkeit aber nicht gegeben. Den Unis wird mehr Geld verheißen, in Wirklichkeit werden sie weniger bekommen. Es wird von Weltklasse geredet, obwohl derzeit nicht einmal Europaklasse garantiert wird.

Österreichs Wissenschafter sorgen immer wieder für exzellente Einzelleistungen, die Zukunft der Gesamtinstitution ist nicht gesichert.

Forschung auf Fachhochschulen?

Stattdessen will man den Fachhochschulen, deren Ausbau Österreich auf dem Ausbildungssektor dringend braucht, Forschungskompetenz zugestehen, obwohl dort von Freiheit der Lehre und der Forschung keine Rede sein kann. Beide sind zweckgebunden. Hier einer "sinnvollen Konkurrenz" das Wort zu reden ist eine einzige Vernebelungsaktion.

Natürlich hat sich vieles verändert. Weshalb die Ansätze der Unireform richtig sind - mehr Autonomie, ein klares Dienstrecht, Einbau von Leistungskriterien. Sogar die Mitbestimmung soll reformiert werden, weil Demokratie auch anders als nach den Vorstellungen der 68er funktionieren kann. Wie sich die Realisierung des Gesetzes aber anlässt, werden Studenten und nicht wissenschaftliches Personal von den Entscheidungsprozessen faktisch ausgeschlossen.

Auf die Spitze getrieben wird die Taktik des Täuschens durch eine Umfrage, ob die österreichische Bevölkerung eine Unireform befürwortet. Klar, tut sie, mehrheitlich. Ist doch jeder selbst ein Professor - vor allem bei der Interpretation von Fußballergebnissen. In Wirklichkeit haben die Auftraggeber extrem fahrlässig gehandelt. Weil Plebiszite bei dieser Problematik unzuständig sind.

"Im Kern verrottet" lautete der Titel eines Buches von Peter Glotz über die deutsche Universität. Zu fürchten ist, dass die Verrottung in Österreich derzeit vor allem jene betrifft, deren falsch aufgezogene Reformpläne die Universitäten ins Chaos treiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.3.2002)

von Gerfried Sperl
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