Krebsstudien nahe am Krankenbett

4. März 2002, 20:38
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Ein von der Bevölkerung unterstütztes Institut ergründet die Fehlsteuerung in Tumorzellen

Innsbruck - Seit eineinhalb Jahren beherbergt das ehemalige Schwesternheim der Uniklinik Innsbruck nun schon das Tiroler Krebsforschungsinstitut (TKFI). "Das Haus hat sich schnell mit Mitarbeitern gefüllt", zeigt sich Richard Greil, der medizinische Lei ter, mit der Entwicklung zufrieden.

Die Gründung der Forschungsstätte geht auf eine Initiative der Tiroler Krebshilfe und deren Präsidenten Raimund Margreiter zurück. "Die Krebsforschung an den Universitätskliniken ist zwar gut entwickelt", erläutert der Internist Greil, "aber es war das Gefühl da, etwas außerhalb der üblichen Strukturen schaffen zu müssen."

Das TKFI versteht sich als Schnittstelle zwischen basiswissenschaftlicher und klinisch relevanter Krebsforschung. Theoretiker mit naturwissenschaftlichem Background wurden mit klinisch orientierten Wissenschaftern unter einem Dach zusammengebracht, um neue Forschungswege beschreiten zu können.

"Man sieht die Dinge anders, wenn man selbst Tumorpatienten behandelt", bestätigt Richard Greil, der seine langjährigen Erfahrungen als Krebsarzt an die rund 30 jungen Forscher des TKFI weitergibt.

Alle sechs Arbeitsgruppen des Zentrums beschäftigen sich mit kliniknahen Fragen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Erforschung der biologischen und genetischen Mechanismen, die bei Tumorerkrankungen der Lymphknoten oder des Knochenmarks zum krankhaften Verhalten von Tumorzellen beitragen. So etwa wurde ein Botenstoff definiert, den Myelomzellen (Myelome sind bösartige Knochenmarktumore) produzieren, und der sie vor der zerstörenden Wirkung von Chemotherapien ebenso schützen kann wie vor den Zellen des Immunsystems.

Auch die Wirkungsweise bereits auf dem Markt befindlicher Medikamente wird untersucht. TKFI-Mitarbeiter konnten zeigen, dass ein Medikament, das bisher zur Behandlung bakterieller Entzündungen verwendet wurde, auch Leukämiezellen tötet.

Zwei Arbeitsgruppen untersuchen Stoffwechselmechanismen, die bei der Entwicklung des Dickdarmkrebses und bei dessen Behandlung mit schmerz- und entzündungshemmenden Medikamenten eine zentrale Rolle spielen.

Im Zusammenhang mit einer bestimmten Form des Gebärmutterhalskrebses wird erforscht, wie Viren eine Zelle so umprogrammieren, dass sie sich unkontrolliert teilt. Und die Arbeitsgruppe von Reinhard Kofler, dem naturwissenschaftlichen Leiter des TKFI, sucht nach Ansätzen, um die Wirksamkeit Cortison-ähnlicher Substanzen bei Leukämien zu verbessern.

Eine Stärke des Instituts am Innrain ist seine flexible Struktur. Die Leiter der Arbeitsgruppen decken mit ihren Heimatinstituten das gesamte Spektrum der klinischen und vorklinischen Krebsforschung ab, von der Kinderheilkunde über die Experimentelle Pathologie bis zur Chirurgie.

"Gleichzeitig haben wir versucht, das wissenschaftliche Potenzial, die junge Intelligenz von Tirol an uns zu binden", erklärt Richard Greil. Ein besonderes Anliegen ist ihm, dass auch die Bevölkerung an den Forschungserfolgen Anteil nimmt: "Wir wollen die Menschen einbeziehen, die enormen Fortschritte in der Krebsforschung transparent machen und so einen positiven Zugang zum Thema vermitteln."

Die Tiroler scheinen dafür offen zu sein. 15.000 Einzelspender haben die Gründung des TKFI unterstützt, und zahlreiche Patienten sind bereit, sich an den wissenschaftlichen Projekten zu beteiligen. (cok, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 3. 2002)

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