Ahnenforschung im Gewächshaus

4. März 2002, 20:35
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Wiener Botaniker korrigiert Lehrbücher über Gewächsgruppen

Wien - Wenn Walter Till die Tür zu seinem Gewächshaus im Botanischen Garten der Universität Wien öffnet, nimmt sein Gesicht einen fast kindlichen Ausdruck des Glücks an. In fünf Glashäusern mit unterschiedlichen Klimaverhältnissen stehen und hängen auf engstem Raum Tausende Pflanzen der Familie der Ananasgewächse, in der Fachsprache Bromeliaceae genannt.

Latino-Pflanzen

Sie sind seit 30 Jahren die große Leidenschaft des Botanikers und Grundlage für ein international beachtetes Projekt: Till betreibt Ahnenforschung unter Pflanzen - mittels Genanalyse.

Bromeliaceaen kommen in ganz Lateinamerika vor, von den Ebenen bis ins Hochland, von trockenen Zonen bis in Tropengebiete. Die Ananas gehört ebenso dazu wie die auf Bäumen lebenden Tillandsien oder Bromelien, die als Zimmerpflanzen verkauft werden. Nach den traditionellen Klassifizierungen gibt es 57 verschiedene Gattungen und mehr als 2800 Arten dieser Pflanzenfamilie.

Doch die bisherigen Einteilungen stimmen nicht, ahnte Till seit langem.

Jetzt hat er dafür Beweise: Sein Team hat die Erbanlagen der Pflanzen verglichen. Dafür nahmen die Wissenschafter aus einem zerstoßenen Blatt die Erbsubstanz DNA. Weil die gesamte DNA zu umfangreich ist, haben die Forscher fünf Abschnitte mit etwa 2000 Basenpaaren ausgewählt. Bei hundert untersuchten Arten ergibt das immer noch eine große Menge Daten.

Gemeinsame Wurzeln

Teilweise geschieht der Sequenzvergleich mit freiem Auge, teils helfen Computerprogramme. Der Vergleich lässt Schlüsse darauf zu, welche Pflanzen nahe miteinander verwandt sind und welche sich vor langer Zeit von der "Ursprungsfamilie" wegentwickelt haben.

Dabei sind die Forscher auf Erstaunliches gestoßen: "Racinaea monticola und Tillandsia lindenii zum Beispiel sehen ganz unterschiedlich aus und wurden früher in zwei verschiedene Gattungen gestellt. Wir sind jetzt draufgekommen, dass die beiden sehr nahe miteinander verwandt sind."

Dabei wurden auch die "Urahnen" der Pflanzenfamilie entdeckt, die aus dem Norden Südamerikas stammen. Sie haben sich über den ganzen Kontinent verbreitet und Aussehen sowie Lebensweise an die jeweiligen Verhältnisse angepasst.

Das machte es für die Botaniker des ausgehenden 19. Jahrhunderts so schwer, die Gattungsverhältnisse richtig zu ordnen. Sie konnten die Pflanzen nur nach äußeren Merkmalen einteilen, also zum Beispiel nach dem Aufbau der Blüten, der Anzahl der Staubgefäße oder der Anordnung der Blätter. "Es hieß zum Beispiel, wenn eine Pflanze so genannte Kronblattschuppen im Inneren der Blüte hat, ist es eine Vriesea, hat sie keine, ist es eine Tillandsia", berichtet Till. "Jetzt wissen wir, dass das nicht stimmt. Eine Pflanze mit und eine ohne Schuppen können sehr nahe miteinander verwandt sein."

Die genetische Methode schafft weitgehend Klarheit und vor allem wiederholbare Messergebnisse. Bei seinen Streifzügen durch Lateinamerika hat Walter Till auch neue Bromeliaceae-Arten entdeckt, die er mit der genetischen Ahnenforschungsmethode jetzt richtig einordnen kann.

"Die korrekte Einteilung ist aber nicht nur für Botaniker wichtig", weiß Till: "Gärtner, Züchter und Händler müssen wissen, in welche Gruppe eine Pflanze gehört, um Verluste durch falsche Vermehrung oder Pflege zu vermeiden. Sie können ja nicht den unterschiedlichen Bedarf an Wasser, Nährstoffen, Licht und Temperatur jeder einzelnen Unterart kennen. Es muß reichen, wenn sie das für die Gruppe wissen", sagt Till.

Letztes Exemplar?

Er selbst hingegen kennt die Bedürfnisse jeder einzelnen Pflanze. Auf einer Stange im Gewächshaus hängt in einem kleinen Topf sein heikelster Pflegling. Die "Tillandsia hauggiae" aus Ecuador ist möglicherweise in der Natur ausgestorben. Das Exemplar im Botanischen Garten könnte das letzte seiner Art sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 3. 2002)

Till ist sein Name, Tillandsien seine Passion. Für diese (und andere Zimmer-) Pflanzen betreibt der Botaniker Familienzusammenführung: Seine Genanalyse korrigiert Lehrbücher über Gewächsgruppen. Eigentlicher Nutzen: artgerechtere Zucht- und Pflegebedingungen.

Von STANDARD-Mitarbeiterin Sonja Bettel
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