Jazzbelcanto mit Licht und Schatten

4. März 2002, 20:25
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Dianne Reeves gastierte im Konzerthaus

Wien - Ist die Zeit der großen Generalistinnen unter den Jazzsängerinnen mittlerweile vorbei? Während Cassandra Wilson und Diana Krall längst ihre ureigenen klanglich-stilistischen Territorien abgesteckt haben, lässt sich Dianne Reeves nicht so ohne weiteres festlegen. Die 48-Jährige aus Detroit will die Fackel der Jazztradition weitertragen, die Ella Fitzgerald, Betty Carter und Co in den 90er-Jahren abgegeben haben.

Gleichzeitig will sie aber auch als Bluesdiva in Erscheinung treten und zudem ihre Motown-Roots nicht verleugnen: zu viel, wie man im ausverkauften Großen Saal des Wiener Konzerthauses hören konnte. Licht und Schatten, verblüffende Vitalität, jedoch auch augenliderbeschwerender Spannungsabfall vor allem bei langsameren Tempi waren zu hören. Da legte Reeves kurz nach Beginn einen hinreißenden Scat-Lauf über die Bluesharmonien ihrer I Remember Sarah-Hommage hin, um gleich darauf Gershwins Embraceable You in unverbindliche, sanfte Fadesse zu tunken.

Selten hat man Ellingtons Mood Indigo so spannungslos zerdehnt gehört; selten allerdings wurde auch Summertime so nonchalant in ein funkensprühendes Improvisationsvehikel umgedeutet. Immer dann, wenn in Reeves das junge freche Energiebündel hinter der divenhaften Manieriertheit hervorlugte, hatte ihre Performance Feuer und Kraft. Leider zu selten an diesem Abend.
(felb)

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3. 2002)

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