Andrea Hickel, ungeduldige Jägerin nach dem Kleinen

6. März 2002, 14:37
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Feierliche Zeremonie für Andrea Hickel im Pariser Unesco-Hauptquartier: die Überreichung des Unesco-L'Oréal-Forschungsstipendiums. Nur zehn Wissenschafterinnen weltweit wurden für die mit 10.000 Dollar (11.500 Euro) dotierte Förderung für würdig befunden, mit der Grazer Biochemikerin Hickel erstmals auch eine Österreicherin.

"Mit diesem Preis soll gezeigt werden, dass auch die andere Hälfte der Menschheit tolle Forschung betreibt", erklärt die 34-Jährige ganz ohne Ironie. Natürlich gebe es reale Benachteiligungen für Frauen - Hickel selbst hat solche erlebt -, aber das Problem sei auch in deren eigenen Köpfen angesiedelt: "Sie streben gewisse Positionen gar nicht an, weil sie denken, sie würden es sowieso nicht schaffen."

Nicht so Andrea Hickel, die sich als zielstrebig und ungeduldig bezeichnet. In ihrer Familie hat es keine stereotype Rollenverteilung gegeben, die Mutter reparierte Motorräder, und die Tochter hat ebenfalls "an allem Möglichen herumgeschraubt". Die Entscheidung fürs Chemiestudium entsprang dem Bedürfnis, "etwas angreifen zu können", und der Faszination für etwas, "das sich so sehr im Kleinen abspielt". Und je kleiner die Maßstäbe würden, desto mehr nähere sich die Chemie der Physik.

Folgerichtig forscht Hickel nun am Institut für Biophysik und Röntgenstrukturforschung der Akademie der Wissenschaften in Graz. Sie sucht nach winzigen Eiweißstoffen (so genannten Abwehrpeptiden), die Bakterienzellen blitzschnell zerstören. Das Bakterium hat keine Zeit, resistent zu werden, wie das bei herkömmlichen Antibiotika oft der Fall ist. "Diese Stoffe kommen überall in der Natur vor", erläutert Hickel, "in der Froschhaut, in Pferdehaaren - kein Wunder, dass die Hexen früher solche Dinge verkocht haben." Der L'Oréal-Preis bringt die Grazer Wissenschafterin ihrem Traum, "wirklich zu verstehen, wie diese Peptide funktionieren", ein gutes Stück näher. Mit dem Geld kann sie nämlich auch im Ausland forschen, und zwar mit der Methode der Kernresonanzspektroskopie an der renommierten Oxford University.

Andrea Hickel hat Österreich als Heimat "wieder gewählt", obwohl sie nach ihrem mittels Erwin-Schrödinger-Stipendium finanzierten Gastspiel im kalifornischen Berkeley Jobangebote in den USA hatte.

"Auch wenn ich mit meiner geradlinigen Art in Österreich immer wieder anecke: Ich habe meine Wurzeln hier", gesteht der bekennende "Naturmensch" Hickel. Hier kümmert sie sich auch um den wissenschaftlichen Nachwuchs: Als Lehrbeauftragte für Biochemie und technisches Englisch an der Chemie-Ingenieurschule Graz. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 3. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Kirsten Commenda
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