Christian Ude - Ein Münchner mit Gespür und Löwenpfote

4. März 2002, 19:16
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Trockener Humor und Schnauzbart, das sind die stadtbekannten Markenzeichen von Münchens neuem und altem Oberbürgermeister Christian Ude. Als er während des Wahlkampfes gefragt wurde, wie man denn eigentlich "Chef von Deutschlands heimlicher Hauptstadt" werde, antwortete er, ohne mit der Wimper zu zucken: "Man nimmt es sich am Besten schon als Kind vor." Die weitere Durchführung sei dann ziemlich einfach.

Und wirklich hat niemand der Karriere des Sozialdemokraten gravierende Schwierigkeiten bereiten können, der geborene Münchner erwies sich bisher als wahres Glückskind. Als der Jusstudent aus bürgerlich-liberalem Haus 1972 ehrenamtlich den Job als Pressesprecher der Münchner SPD übernahm, fiel er Georg Kronawitter, dem damaligen Oberbürgermeister, auf. Der junge Ude engagierte sich in der SPD-Zeitung Münchner Post, ging keiner Diskussion aus dem Weg und verstand es, die Menschen für sich einzunehmen. Dass der heute 55-jährige Ude damals ein waschechter 68er war, nahm ihm Kronawitter nicht übel.

Ude schloss sein Jusstudium ab, heiratete die Fotografin Edith von Welser und begann sich als "Mieteranwalt" in München einen Namen zu machen. Er kassierte für sein Engagement den "Ersten Münchner Großstadtpreis" namens "Die Löwenpfote".

In der Hierarchie der SPD stieg Ude stetig. Als Kronawitter nach 15-jähriger Amtszeit 1993 überraschend zurücktrat, sprang Ude in die Bresche. Er siegte in einem beinhart geführten Wahlkampf gegen den CSU-Rechtsaußen Peter Gauweiler und wurde der fünfte sozialdemokratische Oberbürgermeister von München. Seither kann sich Ude medialer Unterstützung erfreuen, wie sie nur wenigen Politikern in Deutschland zuteil wird. Als "Lichtgestalt" und "Bürger-King" sah ihn die honorige Süddeutsche Zeitung und bescheinigte ihm "sarkastischen Witz und brillante Rhetorik". Ude gilt als Repräsentant einer überparteilichen Gesamtvernunft, als kompetenter Verwaltungsfachmann und geschickter Verhandlungsführer, auch Münchens Schickeria liebt ihn.

Irgendwie scheint Ude in den letzten Jahren auch so etwas wie ein Doppelleben geführt zu haben: Er ging unter die Schriftsteller und gewann mit den satirischen Werken "Chefsache" und "Stadtradeln" Anerkennung seiner Gemeinde. Dass er sich darin auch über die Riten der 68er lustig machte, wurde als Zeichen seiner breit angelegten Akzeptanz gesehen.

Die trainiert Ude am liebsten in seinem "Wohnzimmer", beim griechischen Wirten gleich ums Eck. Das Lokal hat er schon vor der Verkündung des Wahlergebnisses reservieren lassen. "Und ja keine Sperrstund' vor drei", soll er siegessicher gesagt haben. Der Mann hat Gespür. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 5.3.2002)

Von Gerhard Plott
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    bild: der standard
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