Ton, Steine, Theaterscherben

9. Juni 2002, 20:25
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...und im Schlamm badende Verse: Bleischwere Nacherzählung des "Gilgamesh"-Epos am Akademietheater

Mit Raoul Schrotts wortreicher und gewiss kompetenter Ausstaffierung des "Gilgamesh"-Epos hat das Akademietheater kein brauchbares neues Stück gewonnen. In Regisseur Theu Boermans' bleischwerer Nacherzählung des Stoffes werden aus Mesopotamiern unmoderne Mythenverlierer. Fazit: Das Theater flieht panisch die Wirklichkeit.

von Ronald Pohl


Wien - Steht die Sonne der Kultur erst einmal niedrig, dann sonnt sich der Mensch im Glanz seiner mythischen Herkunft. Dax und Dow Jones, diese beiden wichtigsten Götterorakel der Jetztzeit, fahren des Öfteren wild gezackt in den Abgrund: ein Crash, der uns unsere Sterblichkeit sehr nachdrücklich vor Augen führt. Die Baisse ist die tiefe Lehmgrube, die die Menschen einander graben, indem sie sich auf das unabänderliche Walten ewiger Gesetze scheinheilig berufen.

In Raoul Schrotts Gilgamesh, einer wahren Tontafel-Klebearbeit mit Kleister und Sumerern, verhält es sich nicht viel anders. Auch das selige Zweistromland, dieses älteste aller mythischen Ursprungsländer, hält für die krassen Abschwünge frühmenschlicher Konjunktur eine Art Unterwelt bereit.

Die Aktie Mensch? Abstoßen!

Fällt die Menschenaktie ins Bodenlose, setzen sich die Götter als himmlische Aufsichtsratsvorsitzende zusammen und besprechen den betrüblichen Fall: die Aktie Mensch? Abstoßen. Soll Gilgamesh, der Generalmanager von Uruk, in den Aufsichtsrat vorrücken? Abgelehnt.

Die Großindustriellen heißen Anu und Ishtar, Enlil und Enki und Mammitum. Sie sitzen wie Ölgötzen auf einer Kommandobrücke und blicken im Wiener Akademietheater regungslos auf eine Büffelgrassteppe hinunter, wo ein Glasgartenhaus, komplett mit Feuerleiter, hydraulisch auf- und niederfährt, je nachdem, was der unbeherrschte König Gilgamesh (Roland Koch) gerade zu geben beliebt:

Borsteinschwalbe meets Odysseus

Die Axt im Zedernwald, den schwulen Potentaten im Eigenheim, den "schenkelgewaltigen" Luden der zweistromländischen Bordsteinschwalben (Dorothee Hartinger) oder den aufsässigen Odysseus mit Besuchsticket für die Insel der Seligen.

Gilgamesh ist ein gut gepolsterter Mythen-Malocher mit lehmigem Haar, den die gute Mutter (Kirsten Dene) händeringend begluckt: Jetzt hat das Jüngelchen schon wieder unbeherrscht krakeelt! Die große Dene gibt die bürgerliche Haussachverständige, die Kuchenkrümel-verräumende Dienstleisterin am verzärtelten Gottkönigssohn.

Suhlen im Versschlammbad

Denn die Inszenierung des Holländers Theu Boermans kann ihr ungläubiges Gähnen kaum jemals unterdrücken. So viele Tontafelscherben; so viele Keilschriftzeichen, und kein Theaterstück, das über der Horizontlinie zwischen "Salzmieren" und Wüstenödland auftauchen würde.
Weil das Theater die kulturindustriell ausgewaschene Ödnis der heutigen Zeichen und Partikel nicht mehr angreifen mag, versteckt es sich lieber im aufgewühlten Lehm der grauen Vorzeit. Es suhlt sich in einem Versschlammbad, indem es nach Perlen fischt, die es den Säuen im Parkett beidhändig vorwerfen kann. Ein Totenfährschiffer im Gewand eines Grabsteinmetzen (Roland Kenda) und ein schlaftrunkener Museumswächter im Blazer (Rudolf Melichar) zeigen gleich eingangs belustigt ins Publikum: Seht her, all die Toten . . .

Alles wird strikt parallel geführt und erzählerisch am Boden gehalten. Und ab und an steigt aus Bernhard Hammers schöner, großteils blecherner Bühne ein Theaterzeichen als dünne Inspirationsrauchfahne auf: Videoeinspielungen der Götter, die wie RAF-Intellektuelle aus dem Hochsicherheitstrakt in Stammheim in die Kamera nuscheln, in sumerischen Pyjamas und mit Andreas-Baader-Boutiquenschickbrillen.

Milva im Aquarium

Mit der einen Ausnahme der Liebesgöttin Ishtar: Sylvia Haider stöckelt hennahaarig in das Mythen-Aquarium herab. Das Morgenlicht trägt sie unter ihrem durchscheinenden Hauskleid im Nabel. Eine Milva Mesopotamiens. Ein schönes, aufgedonnertes Nichts, wie übrigens alle Frauenfiguren in diesem Märchen-Binsenwald.
Und so steigt im Verlauf der weit ausgreifenden, aber am Platz klebenden Handlung ein Golem aus Lehm, ein Rohling (Markus Hering), aus dem epischen Versbiotop. Die schöne Hure Shamhat (Hartinger) macht den entgeisterten Enkidu nach einem erquickenden Akt mit Zivilisationshandgriffen vertraut. Sie lehrt ihn fingerführend die Grundbegriffe der Heimat anhand ihrer Scham: Hier ist das Flachland, das Federgras, die Enten am Feld . . . An diesem saueren Kitsch trägt die wunderbare Dorothee Hartinger die geringste Schuld.
Und so blickt Theu Boermans mit starren, mythisch geränderten Augen auf ein trostloses Spiel herab. Enkidu dient sich zu Gilgameshs Gefährten hoch. Man besteht gemeinsame Abenteuer im Zedernwald und auf der schwulen Liege. Enkidu wird von den Göttern verfemt und haucht sein Leben im Glashäuschen aus. Gilgamesh begehrt sodann gegen die menschliche Hinfälligkeit auf.

Wir blättern, ein allerletztes Mal, vor im Bilderbuch, das Raoul Schrott wortreich nachkoloriert hat: Auf einer Insel, irgendwo unter dem Doppelgebirge von Mashu, sitzt, auf einem Erzählerhocker, der unsterbliche Uta-Napishti, Überlebender der Sintflut und mit ewigem Leben geschlagen wie mit einer Hausfrau (wiederum: Kirsten Dene). Der kahle, große Ignaz Kirchner taucht aus der Unterbühne herauf und zerkaut mit säuerlichem Lächeln die Geschichte von der Arche, ein grandioser Zen-Buddhist des hinfälligen Lebens: ein Kauz hinter angstbeschlagenen Gläsern. Ein überlebensgroßes Theaterstandbild.
Gottvater Anu schütze ihn!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 05.03. 2002)

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