Hollein-Entwurf muss "Hollein" heißen

5. März 2002, 14:15
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Der Architekt baut wieder am Stephansplatz

Wien - Wer in Wien bauen will, der wird die Wiener kennen lernen. Wer schon gebaut hat, kennt sie. Hans Hollein etwa. Der hat es schließlich gewagt, den 50er-Jahre Zweckbau an der Ecke Stephansplatz/Graben durch etwas Modernes, Zeitgemäßes zu ersetzen. Und auch wenn heute keiner mehr dem alten Haas Haus nachweint, wenn heute keiner mehr die Brandreden wider das neue Haas Haus gehalten haben will: Der Architekt erinnert sich noch gut an die Debatten von damals. Und wird am Stephansplatz trotzdem auch in Zukunft kein Exeget der Quargelsturzarchitektur werden.

Im Gegenteil: Im Auftrag der Generali-Versicherung hat Hollein das Nachbarhaus "seines" Haas-Hauses einer gründlichen Überarbeitung auf dem Zeichentisch unterzogen. (Ein Job, den der Stararchitekt eigentlich schon bei der Haas-Haus-Errichtung erledigen wollte. Aber es ist halt Wien, und Hollein kennt die Stadt: "Drei Jahre Koordination haben dazu geführt, dass nichts passiert ist." Das nur nebenbei.)

Namensgebung

Und dass das Ergebnis eines Hollein-Entwurfes "Hollein" heißen muss und nicht "Retro" heißen kann, ist klar: Aufbauend auf der - von den Bomben des zweiten Weltkriegs zerstörten - Struktur der einstigen "Rothenberger Geschäftshäuser" ersetzt er das längst leise zu Tal rieselnde 50er-Jahre Kleinklein-Fassadenmosaik durch helle, klare Granitflächen. Und stellt statt des billigen 08/15-Zweckbauschrägdaches eine gläserne Front hochwertiger Wohnungen über den Stephansplatz. "Mit der gleichen Firsthöhe wie der Istbestand." Einzig zum Haas Haus hin geht er ein bisserl darüber hinaus: Einen gläsernen Würfel lässt Hollein "eineinhalb, vielleicht zwei", Meter höher ragen, als es das rostende, von hässlichen Klimatürmchen sowie Satellitenschüsseln bewehrte Dach jetzt tut.

Prompt - wie das Amen vor dem Baubeginns-Gebet, begleitet von beinahe nur leicht verzerrten Darstellungen des angeblich zu erwartenden domus horribilis - erscholl sofort der Schrei jener, die Planunsgstadtrat Rudolf Schicker (SP) am Montag bei der offizielle Projektpräsentation als "jene, die sich überall als Anrainer fühlen" beschrieb.

"Entwicklung möglich"

Freilich: Von den Argumenten der Quargelsturzarchitekturfraktion (Bausünde, Verschandelung und nachhaltige Schädigung des Tourismusstandortes Stephansplatz - also Wien - wurden bereits ins Treffen geführt) halten weder Architekt, noch Stadtrat, noch Bauträger viel: "Behutsam" und "vertretbar" sei der vorgelegt Entwurf. Der noch dazu - so Schicker - belege, dass "auch in dieser Stadt Entwicklung möglich ist". Außerdem handle es sich am Stephansplatz "nicht um das mutigste Projekt, sondern um eines, das auf die Wiener Psyche Rücksicht nimmt."

Für die gibt es noch genügend Zeit, beleidigt zu sein: Baubeginn soll im Frühjahr 2003 sein, dann wird 15 Monate gebaut. Dann wird das Heulen rasch vergessen sein: Über das Haas Haus jammert heute auch keiner mehr. (rott, Der Standard, Printausgabe, 05.03.02)

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