Eisenbahner-Kritik an Ungarn

4. März 2002, 19:06
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ÖBB-Chef verstärkt Zugkontrollen, Gewerkschaft kritisiert Vertrauensabkommen

Wien - "Die ÖBB sollten sich die Frage stellen, ob sie das Vertrauensabkommen mit der ungarischen Raab-Ödenburg-Ebenfurther Eisenbahngesellschaft nicht aufkündigen wollen." Wilhelm Haberzettl, Chef der Eisenbahnergewerkschaft, ging nach dem tödlichen Zugunglück von vergangener Woche am Montag auf Konfrontationskurs.

Wie berichtet, war der aus Sopron stammende Güterzug nach dem Austausch der ungarischen Lok gegen eine österreichische im niederösterreichischen Bahnhof Ebenfurth nicht mehr zu bremsen gewesen und bei Wampersdorf in eine entgegenkommende Rollende Landstraße gekracht. Dabei waren sechs Lkw-Fahrer tödlich, 16 weitere teils lebensgefährlich verletzt worden. Angeblich hatte einer der ungarischen Waggons ein defektes Bremsventil, beim Umkuppeln dürfte zusätzlich menschliches Versagen bei den Bremskontrollen hinzugekommen sein.

Die ÖBB haben mit zahlreichen Eisenbahngesellschaften benachbarter Staaten Vertrauensabkommen geschlossen. Soll heißen: Man vertraut darauf, dass jedes Land seine Züge nach einheitlichen EU-Sicherheitsstandards wartet und prüft. In den einzelnen Ländern werden die Garnituren dann nur noch stichprobenartig kontolliert.

Probleme in Ungarn

"Mit Italien, Deutschland und der Schweiz funktioniert das sehr gut, nur in Ungarn scheint es Probleme zu geben", so Haberzettl. "Wir werden uns das Abkommen und die ungarische Sicherheitspraxis genau anschauen."

ÖBB-Chef Rüdiger vorm Walde kündigte Montag Sofortmaßnahmen an: Die technische Schulung des Personals soll weiter verbessert werden; zudem will er eigene Kontrolleure einsetzen, die an jenen Grenzen des Bahnnetzes verstärkt tätig werden sollen, an denen mitunter noch ein Lokwechsel notwendig ist - dazu gehört auch die Grenze zur Raab-Ödenburg-Ebenfurter Linie, deren Oberleitung eine andere Spannung liefert als jene der ÖBB. "Sicherheit hat für mich absolute Priorität - vor allen sonstigen wirtschaftlichen oder verkehrspolitischen Überlegungen. Darüber gibt es keine Diskussion", so vorm Walde. Die ÖBB investierten dafür rund 200 Millionen Euro jährlich.

ÖBB-Sprecher Andreas Rinofner bestätigte Montag, dass der für die Bremskontrolle zuständige ÖBB-Mitarbeiter am Bahnhof Ebenfurth "vom Dienst freigestellt ist". Was "keine dienstrechtliche Suspendierung", sondern "im Interesse des Kollegen" geschehen sei. Die Verschuldensfrage könne erst geklärt werden, wenn die Experten mit ihren Gutachten fertig seien. (fei, szem, Der Standard, Printausgabe, 05.03.02)

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