Brandteigkrapferl-Disput im Zug

5. März 2002, 14:34
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Um im Speisewagen zu bestellen, ist gutes Verhandlungsgeschick vonnöten

Wien/München - Eigentlich dachten wir, die kuriosesten Speisewagen-Zeiten wären längst vorüber. Seinerzeit, als man in Wien-Meidling in den Zug nach Graz stieg, sich gleich zum Frühstücken niederließ und bestellen wollte. Und erfuhr: "Frühstück geht nicht. Die Semmeln sind leider schon aus", hieß es damals. Nach vielleicht zwölf Minuten Bruttofahrzeit.

Die Zeiten - und der Speisewagen-Caterer - haben sich inzwischen tatsächlich geändert. Die Vorräte sind offensichtlich auch üppiger angelegt - und doch bedarf es gelegentlich eines guten Verhandlungsgeschickes, um das zu bekommen, was man will - und auch schon sieht.

Im Eurocity

Unlängst im Eurocity nach München. Am Nebentisch werden Brandteigkrapferln serviert und lösen entsprechenden Speichelfluss aus.

"Bitteschön wir hätten gern einmal Brandteigkrapferln mit zwei Besteck", wenden wir uns an den Kellner. "Brandteigkrapferln? Das hamma net", antwortet der. Freundlich. Zuvorkommend. Aber bestimmt. Die erste Verblüffung ist schnell überwunden, das im Mund Zusammengeronnene schnell geschluckt. Wir deuten auf den Nebentisch: "Äh ... und was ist das dort drüben?" Der Kellner bleibt freundlich und bestimmt: "Das sind keine Brandteigkrapferln."

So schnell wollen wir denn doch nicht aufgeben und versuchen es andersrum, quasi polyglott: "Haben sie vielleicht Profiteroles?" Der Kellner in seiner Zuvorkommenheit ist geradezu erleichtert: "Ja, genau, das dort sind Profiteroles!" Wir, unisono: "Aber das sind doch Brandteigkrapferln!" Der Freundliche: "Nein, nein, die schauen ganz anders aus. Das sagt doch schon der Name: Brandteigkrapferl. Die sind viel dünkler, fast schwarz." Der kurzweilige Disput lässt uns kichern: "Sind die so etwas wie ein Mohr im Hemd?" Der Kellner fühlt sich voll bestätigt: "Ja genau. So schauen die aus." Wir erledigen das schließlich auf die Einfache: "Wissen Sie was - bringen Sie uns das da drüben. Wie immer es heißt."

Schade, dass sie am Akademietheater nicht mehr "Ritter, Dene, Voss" von Thomas Bernhard spielen. Der Brandteigkrapferl-Monolog von Gert Voss würde jetzt noch viel bedeutsamer klingen. (Roman Freihsl, Der Standard, Printausgabe, 05.06.02)

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