Wenn Werber weinen

11. März 2002, 17:50
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Eine Gemeinheit. Da hat man ein kleines Café an einem der schönsten Plätze der Stadt. Reise- und Lokalführer loben es. Stadtbenutzer mögen es trotzdem. Und netterweise wird bei der Erwähnung des Wirten jedes Mal betont, dass er derjenige von ebendort ist. Sei es, wenn man ihn als Schauspieler vorstellt, der mehr kann, als in einer fliegenden Erstehilfeserie aufzutauchen. Sei es, wenn man ihn von einem schon vergessenen Expolitiker gleichen Namens unterscheiden will.

Noch netterer Weise ist der Platz, an dem man Cafétier ist, nicht nur hübsch und historisch, sondern seit ein paar Jahren auch noch autofrei. Und dann will einer dort im öffentlichen Raum einen Werbespot drehen - und dafür, dass das eigene Lokal im Bild auftauchen könnte, kein Geld rüber wachsen lassen. Wo doch jeder weiß, dass Mobilfunkunternehmen im Geld schwimmen.

Ok. Gezahlt hätten sie schon. Aber halt nicht soviel, dass man die eigene Geschäftsfassade im Werbefernsehen ertragen könnte. 145 Euro haben die geboten. Eine Frechheit. Schließlich ist man wer. (Cafetier, Schauspieler – hatten wir das schon?) Für einen Werbefilm vor der Haustür kann man da ruhig mehr verlangen. Das Fünfzehnfache. Ungefähr. Gegenleistung? Was soll das heißen: „Gegenleistung“?

Ätsch

Ach, dann wollen sie ohne Zustimmung drehen? Na gut. Aber auch wenn die Telefonwerber – ganz juristisch – das Recht haben, auf dem Platz zu filmen, hat man als Anrainer auch ein paar Rechte. Etwa jenes, in die Fenster zu hängen, was man will. Oder? Eben. Und ganz zufällig liegt halt gerade ein Packen Plakate eines anderen Mobilfunkbetreibers im Lager herum.

Egal wo man die Kamera hinstellt, in jedem Fenster steht jetzt in Riesenlettern, dass es gut hat, wer über die andere Firma telefoniert? Ojemine. Über Logo der Konkurrenz wird der Auftraggeber auch nicht glücklich sein? Ärgerlich. Ein anderer Drehort geht nicht? Schon blöd. Noch dazu, wo doch die Nachbearbeitung jedes einzelnen Filmbildchens um das Fremdfirmensujet auszulacken sicher teuer wird. Wirklich? So viel teurer als 2100 Euro? Schrecklich. Und die rasch und notdürftig aufgestellten Topfpalmen auf dem schönen Platz helfen wirklich nicht? Naja, manchmal hat man halt ein Pech. Trotzdem: Nichts für ungut. Und gutes Gelingen. Nachher gäbe es übrigens die Möglichkeit, auf einen Kaffee reinzukommen. Der geht dann auf Haus. Vielleicht.

(Der Form halber: Obenstehende Geschichte ist von irgendwelchen Filmmenschen völlig frei erfunden. Also erstunken und erlogen. „Das hat sich so nicht zugetragen“, betont jedenfalls der Cafétier. Wie dann? „Sag ich nicht.“)

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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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