Analysten erwarten kaum richtungweisende Impulse

4. März 2002, 15:45
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"Die Branche hat ein Forum gefunden, um sich zu betrauern"

Von der in der nächsten Woche beginnenden weltgrößten Computermesse CeBIT erwarten Analysten keine deutlichen Impulse für Deutschlands IT- und Softwarefirmen, von denen viele unter der schwachen Entwicklung der Weltwirtschaft leiden.

Wieder aufwärts

Nach Einschätzung von Experten wird die Stimmung auf der CeBIT eher schlecht sein, da der der Überlebenskampf in der IT-Branche anhält und die Gewinner noch lange nicht feststehen. "Die Branche hat ein Forum gefunden, um sich zu betrauern", sagte Analyst Thomas Becker von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Natürlich würden die Unternehmen nach außen positive Aussichten darstellen. "Alle werden darauf verweisen, dass es im zweiten Halbjahr wieder aufwärts geht".

Einig sind sich Experten darin, dass auf der CeBIT kaum bedeutende technologische Neuigkeiten zu erwarten sind. Die interessantesten Entwicklungen seien noch aus dem Bereich UMTS und Mobiltelefone zu erwarten.

Nicht auf der Cebit

Vom 13. bis 20. März präsentieren sich in Hannover 8152 Firmen auf 432.011 Quadratmetern, nach 8093 Ausstellern auf 431.875 Quadratmetern im Vorjahr. Auch wenn die CeBIT trotz der globalen Wirtschaftskrise eine Rekordbeteiligung erwartet, haben in diesem Jahr einige Branchengrößen Hannover den Rücken zugekehrt. So werden unter anderem die Softwareunternehmen Computer Associates, Siebel Systems und Oracle oder auch der US-Internet- und Medienkonzern AOL Time Warner 2002 nicht auf der CeBIT vertreten sein.

Nach Einschätzung von BW-Bank-Analyst Helmut Bartsch hat die CeBIT zwar ein bißchen an Stellenwert verloren. Sie sei aber für die IT-Branche nach wie vor Gradmesser für den erwarteten Verlauf des zweiten Halbjahrs. Auf der Messe würden viele Kontakte hergestellt, die zu Umsätzen führen könnten, auch wenn das Auftragsvolumen in den vergangenen Jahren sicherlich höher gewesen sei.

Analyst Becker sagte, auf Grund des nur geringfügig wachsenden Marktes werde sich der Wettbewerb um jeden einzelnen Kunden weiter verschärfen. "Wir sind skeptisch, dass es ab dem zweiten Halbjahr einen großen Aufschwung im IT-Bereich geben wird und gehen eher von einem moderaten und langsamen Wachstum aus", erläuterte Becker. Es bestehe die Gefahr, dass von Unternehmen und Investoren zu hohe Erwartungen in das zweite Halbjahr gesetzt worden seien und sich die Möglichkeit von Enttäuschungen bei einer Verfehlung von Prognosen damit vergrößere. Nach Einschätzung von DZ-Bank-Analyst Matthias Dürr werden sich Kunden bei Investitionen in Informationstechnologien (IT) nach wie vor zurück halten. Dies belaste die Hersteller auch 2002.

Bedeutende neue Produkte im Bereich Software erwartet Analyst Becker auf der CeBIT nicht. Von den Kunden würden vielmehr Beratungsdienstleistungen und Zusatzmodelle zur Einbindung in bereits bestehende Lösungen zu Kosten- und Effizienzsteigerung nachgefragt. Dürr sagte, neue Entwicklungen und Produkte kämen nicht mehr so schnell wie noch zu früheren Zeiten auf den Markt. Vieles sei außerdem schon bekannt. Es bleibe aber abzuwarten, ob ein kleineres Softwarehaus auf Grund von Neuerungen wie zum Beispiel im Bereich Softwareentwicklungen für Mobiltelefone Akzente setzen könne. Von den großen Firmen sei aber nichts wirklich Neues zu erwarten.

Im Bereich Hardware werden indes nach Einschätzung seines DZ-Bank-Kollegens Adrian Pehl die großen Chip-Unternehmen die Trends vorgeben. So dürfte unter anderem das neue Modell von Intel für einen Chip-Prozessor in 64-Bit-Architektur hohes Interesses auf sich ziehen. Interessante Neuigkeiten seien auch aus dem Bereich rund um den künftigen Mobilfunkstandard UMTS zu erwarten.

Bartsch sagte, Ende der 80er Jahre, Anfang der 90er Jahre habe bei der CeBIT der Trend zur Masse begonnen. Das Messegelände sei größer geworden, die Zahl der Aussteller und Besucher habe zugenommen. Darunter hätten die qualitativen Aspekte gelitten. Wer eine qualifizierte, in die Tiefe gehende Produktpräsentation und Beratung erwarte, sei, abgesehen von Ausnahmen, auf der CeBIT fehl am Platz. Vielmehr gehe es um Trends und Kontakte. "Es ist wie auf einem Catwalk bei einer Modenschau. Man muss dort sein, um gesehen zu werden."(Von Patricia Gugau und Nikola Rotscheroth - Reuters)

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