Gegen das Vergessen in einer zunehmend rechts orientierten Gesellschaft

5. März 2002, 08:00
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Wege nach Ravensbrück - Ein Frauennetzwerk und eine Ausstellung

Vor etwa sechs Jahren bemühten sich die Frauen der Lagergemeinschaft Ravensbrück mit Erfolg, junge Frauen für ihre Tätigkeiten und Anliegen zu interessieren. Sie wollten "Erbinnen" für ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen haben - in einer zunehmend nach rechts gehenden und die Vergangenheit immer mehr vergessenden Gesellschaft.

Die Lagergemeinschaft war 1947 von österreichischen Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück gegründet worden. Ziel war, einander zu helfen und sich wieder Lebensmut zu machen, aber auch über die Verbrechen und Schrecken des Nationalsozialismus, die sie am eigenen Leib erlebt hatten, zu berichten.

Foto: Ausstellungseröffnung/Besitz: privat

Diese generationenübergreifende neue Gemeinschaft, zu der sich die Frauen der Lagergemeinschaft und junge Frauen zusammen geschlossen haben, entwickelte vier Projekte, von denen die Wanderausstellung hier im Mittelpunkt steht. Das "Lebensgeschichten-Projekt" und das "Video-Projekt" werden im Artikel Frauennetzwerk vorgestellt. Die Projektgruppe "Wege nach Ravensbrück" besteht in der ursprünglichen Form nicht mehr. Das Ziel war, die Ausstellung zu machen. Ein paar Frauen haben die Organisation der Wanderausstellung übernommen.

Die Umsetzung

Die Vorbereitungsarbeiten dauerten fast zwei Jahre. Der Arbeitsprozess war durchaus von Schwierigkeiten geprägt. Zum einen war es nicht selbstverständlich für ein solches Projekt Finanzierungen zu erhalten. Oft wurden die Frauen lange vertröstet. Aus dem Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr (dem Hauptsponsor) war zum Beispiel zu vernehmen, dass das Projekt eher eine Ausnahme zu dem sei, was normalerweise gefördert werde. "Die Arbeit, die von den Frauen drinsteckt, ist sehr gering bezahlt", erklärt Daniela Gahleitner von der Projektgruppe "Wege nach Ravensbrück". Die andere Schwierigkeit bestand darin, dass auf die private Infrastruktur zurückgegriffen werden musste. Den Frauen stand kein Büro zur Verfügung. Auch der Ausstellungraum war von der Universität Wien "nicht so leicht" zu bekommen. Die Ausstellung musste zudem für den Zeitraum der "Wiener Vorlesungen" weggeräumt werden.

Konzepte und Pläne wurden im entstandenen Frauennetzwerk erstellt und diskutiert. Die Verpflichtung bestand auch einer kritischen feministischen Auffassung von Wissenschaft im allgemeinen und historischer Wissenschaft im speziellen gegenüber. Also mussten Orientierungs- und Ausgangspunkte gesucht werden, die außerhalb des wissenschaftlichen Mainstreams liegen und von den es nur wenige gibt. Die Grundlage der Forschung zur Ausstellung bildeten die Lebensgeschichten von Frauen. Diese wurden meist unter den Qualen der Erinnerung an das Konzentrationslager und an den Verlust von FreundInnen und Familienmitgliedern erzählt. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Artikels (März 2000), war eine dieser Frauen, Hermine Nierlich-Jursa, bereits gestorben.

Die Ausstellung

Im November 1999 konnte die Ausstellung in Wien eröffnet werden. Die selbsterzählte Lebensgeschichte der jeweiligen Frau wird ins Zentrum gerückt. Dokumente und erklärende Informationstexte sollen den Bezug zum sozialen und politischen Umfeld herstellen. Frauen aus den verschiedensten Opfergruppen werden gezeigt, um die österreichische Tradition des Gedenkens zu durchbrechen, die sich hauptsächlich auf politisch Verfolgte bezieht. Die einzelnen Tafeln stellen die Lebensgeschichten der Frauen bis zur Verhaftung sowie nach der Befreiung bis heute dar.

Foto: Ausstellungseröffnung/Besitz: privat
Tafel mit Hörstation

Begleitet werden die Erzählungen von Texten und Dokumenten, die die Verfolgungssituation jener Gruppe von Menschen allgemein beleuchten, zu der sich die jeweilige Frau entweder selbst zugehörig fühlte oder zu der sie von den NationalsozialistInnen gerechnet wurde. Die neun präsentierten Biografien werden durch drei im KZ ermordeter Frauen ergänzt. Der Bruch, den die Lebensgeschichten der Frauen durch das KZ erfuhren, spiegelt sich auch in der Ausstellung wider. Von der KZ-Haft selbst erzählen die Frauen in einem Film, der mit den Kolleginnen vom Video-Projekt aus den Interviews zusammen gestellt wurde. Zusammen mit den Hörstationen wird den BesucherInnen ein direkt erfahrbarer Zugang geboten, der durchaus eine Distanziertheit zum Vergangenen erschweren soll.

Die Reaktionen der BesucherInnen waren "toll". Es gab keine "Megaprobleme". Ein Plakat wurde angeschmiert, erzählt Daniela Gahleitner. Das Rahmenprogramm war bis auf eine Ausnahme jedoch sehr schlecht besucht.

Vergangenheitsbewältigung

Die Ausstellung behandelt die Zeit nach der Befreiung ausführlich, um eine Historisierung zu verhindern. Denn es ist nicht nur der persönlich erlittene Terror, der es den überlebenden Frauen unmöglich machte, ein "normales" Leben zu führen. Die meisten von ihnen waren mit ihren quälenden Erinnerungen lange Zeit allein gelassen worden, verschwanden im Mythos vom "ersten Opfer Österreich", gingen im gnadenlosen Vorwärtsschreiten des Wiederaufbaus unter oder fanden in der Zweiten Republik kontinuierliche Diskriminierungen vor, die sie verstummen ließen. Für viele von ihnen war ein Akt des Muts, nun an die Öffentlichkeit zu treten.

Foto: Ausstellungseröffnung/Besitz: privat

Mit Antritt der schwarz-blauen Regierung in Österreich vor zwei Jahren ging es den "Ravensbrückerinnen" sehr schlecht. "Sie fragen sich, was los ist, wofür sie die ganze Zeit gekämpft haben", sagt Daniela Gahleitner. Die Frauen der Lagergemeinschaft sehen Parallelen, "die man schon sehen kann". Sie hatten sich immer dezidiert gegen die Politik der FPÖ gewandt. "Die Verharmlosung von Konzentrationslagern als 'Straflager' ist mehr als zynisch für Leute, die das erlebt haben."

Kontakt

Kontakt kann für alle Projekte des Netzwerkes via Mail hergestellt werden: ravensbrueck@gmx.at
Daniela Yeoh

(Erschienen als Teil der Serie "Frauenprojekte in Österreich")
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