"Das rollende Material wurde vernachlässigt"

4. März 2002, 18:42
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ÖBB-Chef will Renovierung von Waggons angehen

Wien - Jetzt, da die Teilung der Bahn in Absatz und Infrastruktur vom Tisch ist, können die ÖBB endlich darangehen, ihre veralteten Waggons im großen Stil zu renovieren. Am Montag goss ÖBB-Generaldirektor Rüdiger vorm Walde seine Pläne für den Personenverkehr in Zahlen: Binnen fünf Jahren soll der Anteil am heimischen Gesamtpersonenverkehr von zuletzt nur mehr acht auf zwölf Prozent ausgebaut werden. Dies wäre ein Zuwachs von 50 Prozent.

In einem Vortrag zum Thema "Bahnreform" vor der Gesellschaft für Verkehrspolitik kritisierte vorm Walde indirekt seinen Vorgänger Helmut Draxler: "Das rollende Material wurde vernachlässigt." Der letzte neue Personenwaggon sei 1996 angeschafft worden. Bis 1999 seien die ÖBB sehr "auf Substanz" gefahren - sprich: Der Cashflow sei nicht in Investitionen geflossen, sondern in die Schuldenreduktion. Damit sei aber die Cashflow-Entwicklung der kommenden Jahre gefährdet worden, so vorm Walde.

Komplettsanierung

Nun sollen - wie berichtet - statt 58 Mio. Euro, die ursprünglich für ein "Facelifting der Außenhaut" vorgesehen waren, 218 Mio. Euro in die Komplettsanierung von 720 Reisezugwagen fließen. Für die Erneuerung der wichtigsten Bahnhöfe würden weiterhin Investoren für "Public-Private-Partnerships" gesucht.

Die für die Anschaffung zusätzlichen rollenden Materials für den Personenverkehr notwendigen rund 254 Mio. EURO stehen dem Vernehmen nach am 7. März auf der Tagesordnung des ÖBB-Aufsichtsrats. Sie waren bereits vor Weihnachten auf der Agenda, wurden wegen der drohenden Teilung aber zurückgestellt, heißt es in Aufsichtsratskreisen.

Wertvolle Immobilien

Bekommt der ÖBB-General grünes Licht für die Übernahme des Postbusses, ließe sich die Passagierzahl mit einem Schlag erheblich steigern: "Wir wollen hundert Prozent", sagte vorm Walde trotz Skepsis von Verkehrs-und Finanzminister.

Wie sein Vorgänger und die Gewerkschaft ist auch vorm Walde gegen die Teilung der ÖBB in Absatz- und Infrastruktur. Getrennte Bereiche würden jährlich um 150 Mio. EURO mehr Kosten verursachen.

Strikte Ablehnung signalisierte der Generaldirektor bei der - unter anderem vom eigenen Vorstandskollegen Helmut Hainitz - angedachte Abgabe der ÖBB-Immobilien an die finanzmarode Schieneninfrastrukturgesellschaft (Schig). Aus den Immobilien stamme ein Drittel des Ergebnisses. ÖBB-Gewerkschaftschef Willi Haberzettl nannte eine Abgabe der Immobilien "politischen und volkswirtschaftlichen Schwachsinn".

Im Güterverkehr - hier haben die ÖBB 37 Prozent Marktanteil - will vorm Walde künftig mit den Speditionen kooperieren. (szem, DER STANDARD, Printausgabe 5.3.2002)

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