Klappe auf für Zeitzeuginnenschaft

5. März 2002, 08:00
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"Vom Leben und Überleben" zeugen die Erzählungen von sechs Frauen, die das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überlebt haben. dieStandard.at sprach mit den Filmemacherinnen Bernadette Dewald und Gerda Klingenböck

Drei Projekte gibt es in Österreich um das Thema Ravensbrück: Wissenschaftlerinnen verfassten eine Studie "Vom Leben und Überleben", Ausstellungsfrauen erarbeiteten eine Wanderschau und ein Videoprojekt dokumentiert das Leben vor, in und nach dem Frauenkonzentrationslager. Das fünfköpfige Frauenteam des Videoarchivprojekts Ravensbrück sammelte 34 mehrstündige Interviews (über 200 Stunden Zeitzeuginnenschaft) von Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück. Neben dem Videoarchiv entstand auch der 2-stündige Dokumentarfilm "Vom Leben und Überleben", der die Erzählungen von sechs dieser Zeitzeuginnen umfasst. Antonia Bruha, Widerstandskämpferin und Wiener Tschechin; Regine Chum, Widerstandskämpferin und als sogenannte "Halbjüdin" rassistisch Verfolgte; Katharina Thaller, Zeugin Jehova; Aloisia Hofinger, sie hatte eine Beziehung zu einem polnischen Zwangsarbeiter; Rosa Winter, Sintezza und Helene Igerc, slowenische Bäuerin.

Die Filmemacherinnen Bernadette Dewald und Gerda Klingenböck über das Projekt. Moderation Pia Feichtenschlager




dieStandard.at: Wie findet mensch die Frauen, die bereit sind, über diese schrecklichen Erfahrungen zu sprechen, wo wir doch trainiert sind auf das Vergessen und Verdrängen?

Bernadette Dewald: Bei Frauen gibt es ja immer auch das Problem der Namensänderung durch Heirat oder Scheidung. Das war eine Arbeit, die die Wissenschaftlerinnen für uns übernommen haben. Und es war auch höchste Zeit. Viele sind ja seit dem Interview bereits verstorben.

Gerda Klingenböck: Die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlerinnen war sehr wichtig. Denn die hatten die Adressen der Lagergemeinschaft, denen sie nachgegangen sind und machten Aufrufe in Zeitungen und "Willkommen Österreich". Daraufhin haben sich viele Frauen gemeldet. Oft haben Enkelkinder gesagt: Oma melde dich doch! Gerade durch "Willkommen Österreich" meldeten sich einige, da das doch viele alte Menschen sehen. Es gab aber auch welche, die als wir dann gekommen sind, verweigerten: "Nein, Angst, will nicht mehr." Oder: "Erst jetzt kommt ihr, jetzt will ich nicht mehr." Aber es gab auch Kritik: "Vor einigen Jahren hatte ich noch mehr gewusst, warum kommt ihr so spät." – Es war für viele wichtig, das Erlebte nochmals abzuhandeln vor dem Tod.

dieStandard.at: Aber hemmt nicht die Kamera die Redewilligkeit der Menschen. Gerade bei Älteren, die mit dem Medium nicht so vertraut sind?

Bernadette Dewald: Im allgemeinen nicht. Manche Frauen waren richtig ungeduldig, wollten sofort erzählen. Es war ihnen sehr wichtig, das alles noch vor dem Tod los zu werden. Meinten: "Was, ihr kommt erst jetzt?" – Meine Erfahrung war, dass die Unerfahrenheit mit der Technik – manche wussten zwar theoretisch, sie werden gefilmt, glaubten aber sie werden fotografiert - recht groß war. Wir hatten kleine Kameras, keine großen Dinger, was auch geholfen hat. Wir sind sehr sensibel vorgegangen beim Aufbau für den Dreh.

Gerda Klingenböck: Wir sind uns natürlich sehr störend vorgekommen. Aber uns war von vorhinein bewusst, dass wir ein Störkörper sind: wir sind jedoch sehr behutsam vorgegangen. Die Tatsache, dass wir Frauen sind, hat uns einen Vertrauensvorschuss eingebracht. Wir sind nicht aufgetreten wie das wichtige Kamerateam, sondern haben uns sehr zurück gehalten. Es haben ja auch nicht alle zugestimmt, sich filmen zu lassen, aber doch bemerkenswert viele. Die Gewöhnung an die Kamera ging dann eigentlich sehr schnell, manche empfanden sie auch als gewisse Ehre.

Die Interviews wurden nach einer speziellen Weise geführt und nicht nach journalistischem Vorbild. Es waren sehr lange, narrative Interviews nach der Methode Rosenthal: Es wurde kaum dazwischen gefragt, keine vorgefertigten Fragen gefragt. Es sind von den Frauen selbst kreierte Lebenserzählungen. Für uns war sehr schnell klar: Wir wollten nicht nur über die Zeit im Konzentrationslager etwas erfahren, sondern auch über die Zeit davor und danach. Wir wollten die Frauen als Personen wissen: Was waren ihre Träume, wie ging das Leben weiter. Normalerweise werden diese Menschen ja auf die KZ-Zeit reduziert, wird auf das spektakulärste Kriegsereignis hingearbeitet.

dieStandard.at: Ein großes Problem bei Dokumentationen ist ja der Schnitt: Es wird gekürzt, geschnitten.

Bernadette Dewald: Im Prinzip sind es autorisierte Interviews, die dann auch den Personen in der Endfassung vorgelegt wurden und die Möglichkeit des Einspruchs bestand – sowohl beim Archiv wie beim Film. Es gab aber im Nachhinein kaum Einspruch. Eher gleich beim Dreh, wo es manchmal hieß: "Das schneidet ihr aber bitte wieder raus!"

Gerda Klingenböck: Wir waren da sehr korrekt: Haben den Frauen die Rohkopien gesendet, mit der Bitte, zu schauen, ob etwas nicht passt. Das Endvideo mit Vorspann und Nachspann, die Transkripte. Ob diese jedoch von allen besichtigt wurden, wissen wir natürlich nicht. Aber es war für die Frauen immer klar, das ist ein Projekt für die Öffentlichkeit.

Bernadette Dewald: Für den Dokumentarfilm war natürlich die Auswahl der Frauen sehr schwierig. Das hat sehr lange gedauert. Wir wollten Vertreterinnen der verschiedenen Opfergruppen: Widerstandskämpferin, rassistisch Verfolgte, Zeugin Jehova.

dieStandard.at: Das Projekt war ja sehr zeitintensiv und folglich auch geldintensiv: Wann habt ihr damit begonnen? Gab es finanzielle Förderungen?

Bernadette Dewald: Die Interviews wurden 1998 begonnen. Nach 1999 wurde dann begonnen, das Videomaterial zu sortieren.

Gerda Klingenböck: Vor 1988 war die Zeit der Geldbeschaffung: Ein großes Problem! Die Kunstabteilung argumentierte:"Das ist keine Kunst, das ist erstens 80er Jahre und zweitens Wissenschaft." Die Wissenschaft meinte: "Video können wir nicht fördern, da müssen sie zum Film gehen." Wir haben dann bei den verschiedenen Landesfrauenstellen angesucht, und da kleine Beiträge bekommen.

Bernadette Dewald: Von der Austria FilmCoop haben wir Geräte zur Verfügung gestellt bekommen. Auch das Archiv ist dort entstanden. Diese Unterstützung war sehr wichtig.

Gerda Klingenböck: Es gab über 200 Stunden Videomaterial. Das wird sehr rasch sehr teuer. Wir haben die Unterstützung einer Frau gehabt, die sich dann um alles Organisatorische in Hinsicht auf mögliche Förderungen gekümmert hat. Wenn man den Nachspann ansieht, da sind die 14 Förderstellen... was das alles an Papier erforderte. Das sieht toll aus, dabei handelt es sich ja um ganz kleine Beträge, 2000 bis 3000 Schilling.

dieStandard.at: Wenn mensch bei so einem historischen Projekt mit einer derartigen Unterstützungsunwilligkeit der wichtigsten Stellen konfrontiert ist, deutet mensch das selbst dann als Ignoranz, oder Desinteresse der Thematik gegenüber?

Gerda Klingenböck: Natürlich. Der Ärger war groß.

Bernadette Dewald: Ärger und das Gefühl, dass sehr viel Kraft, die eigentlich in das Projekt gehen sollte, für Ansuchen verschwendet wird.

Gerda Klingenböck: Wir hatten keine Institution und Lobby, die uns unterstützt hat. Höchstens, dass uns wer ein Empfehlungsschreiben ausstellte. Auch das Unterrichtsministerium hatte kein Interesse an Zusammenarbeit. Wir hatten es auch deshalb so schwer, weil wir die Ersten waren. Es war in Österreich das erste Projekt dieser Art. Zeitgleich hat man zwar gehört, die Shoa Foundation macht in Österreich auf. Aber da gab es noch keine wirkliche Information. Es hieß nur: Die machen etwas über KZ und jüdische Opfer. Uns war wichtig, selber etwas auszuarbeiten. Aber Frauen sind eben keine so "interessante" Opfergruppe und das Lager liegt nicht in Österreich, das hat einiges erschwert.

dieStandard.at: Wo ist das Videoarchiv einzusehen?

Gerda Klingenböck: Eigentlich sollte es auf das Institut für Zeitgeschichte. Das Problem ist aber, dass digitale Archive noch nicht vorhanden sind. Die Lagerung von Videobändern ist ja sehr problematisch. Wir warten noch auf einen geeigneten Ort. Am liebsten wäre uns eine zeitgeschichtliche Erinnerungsstätte, wie das Holocaust-Memorial. Dass internationale Gedenkstätten Editionen ankaufen, da wir das nicht bezahlen können.

Bernadette Dewald: Zur Zeit lagert es bei der Austria FilmCoop. Es geht ja nicht nur um Lagerung, sondern vor allem um Zugänglichkeit.

dieStandard.at: Das Problem ist ja nicht nur die Noch-nicht-"Öffentlichkeit" des Videoarchivs, sondern auch die Unzugänglichkeit des Dokumentarfilms "Vom Überleben". Am Donnerstag ist er im Filmcasino zu sehen, dann verschwindet er wieder von der Leinwand. Wie sieht es aus mit der Möglichkeit eines Art Wanderkinos durch die Programmkinos in Österreich?

Bernadette Dewald: Wir versuchen einen Verleih zu finden. Video ist eben problematisch: Nicht alle Kinos können Video zeigen.

Gerda Klingenböck: Wir haben bereits die Wiener Programmkinos angesprochen, ob sie die Dokumentation im regulären Programmm zeigen würden. Es wird sich zeigen, ob sie wollen. Es kommt ja auch erschwerend dazu, dass es sich nicht um gefälligen Film handelt. Es wird nichts beschönigt, wir muten den ZuseherInnen auch etwas zu. Es wird vieles gesagt, es gibt keine Musik und keinen versöhnlichen Ausgang. Im Moment ist es so, dass gerade die jüngeren Leute mit dieser Dichte und Intensität und ohne Identifikationsmöglichkeiten nicht viel anfangen können.

Bernadette Dewald: Was uns sehr wichtig wäre ist, dass die Dokumentation über Österreich hinaus kommt. Wir versuchen Untertitel zu bekommen. Wenn wir den Film im Fernsehen zeigen würden, bekommen wir eine Kinosperre. Das ist auch alles sehr kompliziert. Aber wir hoffen, dass was voran geht.

"Vom Leben und Überleben"
A-2001, 120 min.
Kamera: Bernadette Dewald, Gerda Klingenböck, Tina Leisch
Interviews: Helga Amesberger, Brigitte Halbmayer
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