"Wo gibt es denn noch Frauenbewegungen?"

11. März 2002, 10:12
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Der deutsche Kulturkritiker und Soziologe Theweleit über Frauen/Kultur - Lesung im Rahmen von "Literatur im März"

Wien - Die diesjährige Ausgabe des Literaturfestivals "Literatur im März" erkundete die Veränderungen, die die Situation der Frauen in den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebt hat. Unter dem Motto "Frauen - Was nun?" (7. bis 10. März) wurde unter anderem danach gefragt, ob Entwicklungen wie die Globalisierung und die Neuen Medien die Frauenbewegung der 70er Jahre obsolet gemacht haben. Der deutsche Schriftsteller und Kulturkritiker Klaus Theweleit antwortete darauf vorab zu seiner Lesung am 8. März im Gespräch mit einer Gegenfrage: "Wo gibt es denn noch Frauenbewegungen?"

Keine organisierte Frauenbewegung...

"Man kann im Moment nicht davon sprechen, dass es eine organisierte Frauenbewegung gibt", konstatierte der mit seinem 1977/78 erschienenen Doppelband "Männerphantasien" bekannt gewordene Soziologe, dessen Werk, unter anderem "Buch der Könige" I (1988) und II (1994) und "Objektwahl. (All You Need is Love...)" (1990), sich bis heute mit der durch Frauenopfer erlangten Männerherrschaft beschäftigt.

...viele Aktivitäten auf Ebene der Einzelnen

"Die Frauenbewegung wurde wie alle politischen Bewegungen nach einer Weile reaktionärer und 'rechter', weil eine Menge Leute zu jeder Bewegung kommen, die diese zur Machtausübung benützen und die mit den ursprünglichen Zielen nichts zu tun haben", so Theweleit, wie "modellhaft gut" zu sehen derzeit bei den Grünen in Deutschland sei. Jedoch sind für den 1942 in Ostpreußen geborenen und im Moment an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe lehrenden Wissenschafter die Bewegungen "gar nicht das Entscheidende: Auf der Ebene der Einzelnen, in den täglichen Beziehungen, geht 'die Bewegung' viel stärker weiter. Da passiert nach wie vor sehr viel".

Frauenrechte in männlichen Institutionen untergraben

Für Theweleit ist - trotz Fortschritten - "die Verankerung der Frauenrechte in den tatsächlich angewandten Gesetzen nach wie vor sehr gering". Die "männlichen Institutionen" versuchten, "sei es in Kriegssituationen oder in so genannten ökonomischen Krisensituationen, die ja sehr oft hergestellte sind", den Frauen die unter Druck zugestandenen Rechte wieder wegzunehmen. "Dauerhaft gibt es die in der Geschichte bisher kaum irgendwo".

Gemeinsamer Prozess

Diese Gegenbewegungen gälten jedoch nicht nur den Frauen, "sondern darüber hinaus den Bürgerrechten, wie das derzeit in den USA und Deutschland unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung geschieht". Das sei "ein ständiger Prozess, gegen den man versuchen muss, sich zu wehren - Frauen ebenso wie Männer". Denn es gebe "keinen wirklichen Fortschritt" in Gesellschaften, in denen sich "Frauen und Männer allein oder auch gegeneinander emanzipieren. Wenn die Entwicklung zum gewaltloseren Leben dauerhaft sein soll, muss es ein gemeinsamer Prozess sein".

"Entmischung von Mischgesellschaften"

Über "Mischgesellschaften" und deren "Entmischung" wird Klaus Theweleit bei "Literatur im März" unter anderem aus seinem "Pocahontas"-Band lesen, der sich mit dem (dem breiten Publikum aus dem gleichnamigen Disney-Film bekannten) Mythos der indianischen Retterin eines englischen Besatzers bei der Kolonialisierung Amerikas beschäftigt. "Entmischung", so Theweleit, habe die Politik der "Ethnisierung und Wiedereinführung von halbgestorbenen Religionen" bestimmt, die "zum Zwecke der Bildung ethnisch definierter Nationalstaaten - besser müsste man sagen: völkischer Staaten" beispielsweise am Balkan betrieben wurde.

Gegenbewegungen zu den säkularisierten Gesellschaften sind "fast immer männliche"

Jedoch seien "dort nicht nur verschiedene Kulturen, Ethnien und Religionen entmischt, sondern auch insbesondere die Frauen aus bestimmten Mischungszusammenhängen mit Gewalt herausgebracht" worden. Entrechtung, Verdrängung aus dem Alltag, das neue Vorschreiben von Heiratsregeln - all dies sind für Theweleit "Teile der fundamentalistischen Gegenbewegungen" zu den Mischgesellschaften.

Und, so der Autor, diese "Gegenbewegungen sind fast immer männliche; Männerpolitik, die meist durch Gewalt versucht, die immer nur für Perioden erkämpften Frauenrechte wieder zu beschneiden". Theweleit sieht diesen Widerstreit zwischen säkularisierten Mischstaaten und den fundamentalistischen Gegenbewegungen ("jeder Staat, der sich ethnisch definiert, ist fundamentalistisch und potenziell faschistisch") als einen "Prozess, der schon seit über 1000 Jahren in der abendländischen Kultur im Gange ist".

Dieser immer wieder in Wellen auftretende "Versuch, das ganze Leben nach einer Hand voll Regeln zu gestalten, die jeweils von Männern geschrieben werden, geht bis in die heutige Zeit, wie man im ehemaligen Jugoslawien oder in Afghanistan sieht". Ob diese Regeln "islamistisch, christlich, jüdisch, hinduistisch oder mit sonst einer Religion fundamentiert werden, oder aber mit den zehn Geboten der Marktwirtschaft, ist relativ egal. Es ist immer politischer Terror, männerdominiert, der sich der Religionen oder anderer Großideologien zu Zwecken eigener Herrschaft bedient".

Globalisierung passt ins Bild

Theweleit glaubt nicht, dass die ethnisierende Entmischung und die Globalisierung gegensätzliche Prozesse sind. Im Gegenteil: "Die Globalisierung geht ja gerade nicht darauf aus, die nicht-westlichen Gesellschaften auf demokratischere Gesellschaften hin zu emanzipieren". Die Globalisierung bediene sich der Methoden der Ethnisierung und "Religionisierung", weil "sich Gesellschaften, die ein Unterdrücker oder eine unterdrückende Gruppe beherrscht, viel besser ökonomisch ausbeuten lassen" und sich damit "die kriminelle Globalisierungspolitik des Westens" viel besser "durchziehen" ließe. Die die Globalisierung vorantreibenden westlichen Gesellschaften haben "Angst vor der Vermischung. Und sie fürchten freie Gesellschaften mehr als terroristische", so Theweleit.
(Georg Leyrer/APA)

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