Milosevic-Prozess mit Vernehmung von Belastungszeugen fortgesetzt

4. März 2002, 15:19
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Milosevic dementiert Diskriminierung der Kosovo-Albaner

Belgrad/Den Haag - Der Prozess gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal ist am Montag mit der Vernehmung eines weiteren Zeugen aus dem Kosovo fortgesetzt worden. Nach Medienberichten werden die ganze Woche Zeugen aus der Provinz über ihre Vertreibung durch jugoslawische Sicherheitskräfte während der NATO-Luftangriffe im Frühjahr 1999 berichten. Erwartet wird auch ein erster ausländischer Experte, der über Opferzahlen Auskunft geben soll. In der kommenden Woche soll der künftige Hohe Repräsentant für Bosnien, der britische Spitzenpolitiker Paddy Ashdown, aussagen.

Belastungszeuge bestreitet Zerstörung von Djakovica durch NATO-Luftangriff

Slobodan Milosevic hat Angaben über die systematische Diskriminierung von Albanern in der Provinz im Süden Serbiens widersprochen. Milosevic suchte dabei am Montag bei der Fortsetzung seines Prozesses in Den Haag die Auseinandersetzung mit einem neuen Zeugen, dem ehemaligen Richter Hasan Prufi aus der Kosovo-Stadt Djakovica (Albanisch:Gjakove). Aussagen des Zeugen über eine "diskriminierende Gesetzgebung Serbiens ab 1991" widersprach Milosevic.

Opfer von Gewalt führte er - wie schon in den vergangenen drei Wochen - auf die NATO-Luftangriffe im Frühjahr 1999 und die Aktivitäten der Kosovo-Befreiungsarmee UCK zurück. "Wissen Sie, dass das Gesundheitszentrum (in Djakovica) vor dem Krieg 770 Beschäftigte hatte, davon 740 Albaner", versuchte Milosevic den Zeugen Hasan Prufi, der 1991 seinen Richterposten in Djakovica verloren hatte, auf Glatteis zu führen. Allerdings verstrickte sich Milosevic bei detaillierten Angaben über die Familie von Prufi offenbar in Fehler.

Auch seine Bemühungen, die Zerstörungen in Djakovica NATO und UCK zuzuschreiben, scheiterte. "Kein einziges Haus in Djakovica ist durch auch nur eine NATO-Bombe zerstört worden", wiederholte der Zeuge auch als Milosevic ein ganz konkretes serbisches Familienhaus nannte. Prufi betonte, dass er die Aktivitäten der UCK zum Schutz der Bevölkerung vor dem Terror der serbischen Sicherheitskräfte unterstützt hatte.

Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Die Verhandlung gegen Milosevic am vergangenen Freitag hatte unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Zwei Kosovo-Albanerinnen, die Opfer von Vergewaltigungen wurden, berichteten über ihr Martyrium. Über die Geschehnisse in Djakovica (Albanisch: Gjakove) sagte der 55-jährige Anwalt Hasan Prufi aus. Prufi, der gegenwärtig als Rechtsberater einer norwegischen Hilfsorganisation tätig ist, war bis 1991 Richter in Djakovica.

Das UNO-Tribunal soll bis Donnerstag über die Beschwerde von Milosevic gegen die Verwendung von schriftlichen Zeugenaussagen in dem Prozess entscheiden. Die Anklage hatte 123 schriftliche Aussagen von Zeugen aus dem Kosovo angekündigt.

In Serbien nimmt unterdessen das Interesse am Milosevic-Prozess ab. Nur noch knapp elf Prozent (10,8) der Serben verfolgen regelmäßig die Verhandlungen vor dem UNO-Tribunal, die von mehreren serbischen TV-Sendern übertragen werden. 48,9 Prozent von Serben sehen nur noch unregelmäßig zu. 40,3 Prozent der Serben erklärten, dass sie kein Interesse am der Ereignissen in Den Haag haben.

Auftritt Milosevics beeindruckt Serben

Der bisherige Auftritt Milosevics vor dem Tribunal machte den Serben allerdings beachtlichen Eindruck. 20,4 Prozent halten ihn nach der von der Tageszeitung "Politika" veröffentlichten Umfrage für würdig, knapp 19 Prozent für überlegen. 22,6 Prozent der Serben meinen, dass sein Auftritt wirklichkeitsfremd sei.(APA)

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