Teilzeitarbeit, ein großer Wunsch

3. März 2002, 18:55
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Immer mehr Männer wollen weniger arbeiten, fürchten aber die beruflichen Nachteile

Niemand wird ernsthaft behaupten, die Arbeitswelt sei in den letzten Jahren familienfreundlicher geworden. Eher entwickelt sie sich familienfeindlich. Wenn Akademiker Kinder bekommen und pausieren müssen, gilt es nach der Kinderpause als ihre Privatangelegenheit, den Einstieg in den Beruf wieder zu schaffen.

Wer mit Rücksicht auf seine Familie keine exzessiven Überstunden akzeptieren will, stigmatisiert sich schnell zum Außenseiter. Und immer noch gibt es genügend Personalchefs, die weibliche Kandidaten als betriebswirtschaftliches Risiko betrachten, nur weil diese womöglich schwanger werden könnten.

Der "Family Friendly Index" (Index für Familienfreundlichkeit) amerikanischer Firmen und Institutionen, darunter mehr als 1000 Universitäten, ist hierzulande unbekannt. Zwar wird gelegentlich über ein Engagement für familienbewusste Maßnahmen im Personalmarketing, womit das Image aufgewertet und die Wettbewerbsfähigkeit verbessert werden könne, bramarbasiert. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus.

Brachial-Motto

Hauptsächlich kleinere Unternehmen und erst recht Start-ups mit relativ dünner Kapitaldecke sind elementar auf hohe Flexibilität und Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter angewiesen, bei Jungunternehmern wird die Bereitschaft zur Selbstausbeutung geradezu vorausgesetzt. Es gilt das Brachial-Motto: "Nicht voll arbeiten - nicht für voll genommen werden."

Umfragen dagegen besagen: Etwa jeder vierte Vollbeschäftigte würde gern weniger im Job tun und dafür auch auf einen Teil seines Gehalts verzichten. Zwar will niemand Einbußen riskieren, was die Qualität der Arbeit anbelangt. Aber der Trend "Arbeit ist alles, ohne Arbeit ist nichts" bleibt nicht mehr unwidersprochen. Schon stellen Soziologen Patchwork-Biografien als Alternativen vor.

Manche Menschen bevorzugen das Jobhopping anstatt das Sich-nach-oben-Buckeln, andere möchten statt 100 lieber 85 Prozent ihrer Arbeitszeit für ein Unternehmen tätig sein, und wiederum andere vertreten die Ansicht, im Zeitalter der Virtualität könne man vieles, was unaufschiebbar ist, auch von zu Hause aus per Telefon und PC erledigen.

Deutsche Befragung

Inzwischen gibt es sogar hochkarätige Manager, die als "Teilzeitler" ihren Pflichten nachgehen. In einer repräsentativen deutschen Befragung wurden Führungskräfte um ihr Urteil zur Teilzeitbeschäftigung gebeten - fast zwei Drittel gaben an, zumindest interessiert zu sein. Fast 20 Prozent der High Potentials gestanden, dass reduzierte Arbeitszeit einer ihrer größten Wünsche sei. Indes: Die Angst sitzt den Managern, die sich gern zur halben Portion machen würden, im Nacken. Es sind nicht die finanziellen Einbußen, die Sorgen bereiten, sondern die geringere Sicherheit des Arbeitsplatzes, mangelnde Möglichkeiten beruflicher Weiterbildung und Fortkommens sowie Zweifel daran, ob bei Reduktion die attraktiven Aufgaben weiter vorhanden sind und ob die Vorgesetzten nicht dazu neigen, einen Kürzertretenden rasch abzuhaken.

Tatsächlich haben Studien in verschiedenen Ländern zutage gebracht, dass die Chancen von Teilzeitarbeitern auf jeder Ebene zur beruflichen Weiterentwicklung kritischer sind und dass die Teilnahme am Betriebsgeschehen und am Insiderwissen automatisch abnimmt. So werden die Sehnsüchte der Kinderwickler, die gern mehr Zeit mit ihrem Nachwuchs verbringen möchten, noch nicht so bald in Erfüllung gehen. Wer weniger arbeiten will, ohne auf Karriere zu verzichten, muss sich fragen, ob er nicht ein Träumer ist. Dabei könnte das forcierte Vorantreiben des Themas Teilzeitarbeit die Entscheidungsträger in den Unternehmen mehr sensibilisieren. Denn das Interesse, diese Problematik erfreulichen Lösungen zuzuführen, ist allenthalben da.

Sabbatical

Da sind die Dänen weiter. Sie haben Anspruch auf ein Sabbatical, ein Sabbatjahr, das vom Staat gefördert wird. In dieser Zeit kann der Freigestellte eine Weltreise unternehmen, eine Liebe finden, ein Haus bauen oder anderes tun, um danach gestärkt wieder ins Hamsterrad zu steigen.

Wenn Mitarbeitern solche Möglichkeiten zumindest theoretisch offen stünden, wären sie effektiver, hätten weniger Fehlzeiten und eine geringere Fluktuation. Es gibt sogar Anzeichen dafür, dass Teilzeitkräfte mehr Kreativität freisetzen, der Arbeitgeber also Profiteur ist. Eine Lösung wäre, wegzukommen vom klassischen System der Halbtagsarbeit und die wöchentliche Arbeitszeitverkürzung als attraktiver einzustufen. Auch monatliche Reduzierung und Jobsharing sind Möglichkeiten.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 02./03.03.2002)

STANDARD-Mitarbeiter Roland Mischke
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    foto: photodisc
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