Kinder statt Karriere?

4. März 2002, 08:00
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Barbara Coudenhove-Kalergi plädiert für eine Studienreise nach Frankreich

In Österreich kommen zu wenige Kinder zur Welt, meint der Frauenminister, weil die Frauen zu wohlhabend sind und nur an Karriere und Selbstverwirklichung denken, statt sich um der Kinder willen "zurückzunehmen". Die Botschaft: Frauen, seid nicht so egoistisch und so geldgierig, seid dankbar für euer Kindergeld und bleibt zu Hause. So weit Frauenminister Herbert Haupt.

Und was sagen die Experten? So ziemlich das Gegenteil. Es stimmt, Österreich liegt, was Kinderreichtum angeht, am unteren Ende der europäischen Skala, vor Italien und Spanien. Obenan liegen die skandinavischen Länder und Frankreich.

Auf den ersten Blick paradox: In katholisch geprägten Ländern, wo die traditionelle Familie im Sinne von Haupt - ein geldverdienender Vater und eine Mutter, die zu Hause bei den Kindern ist - nach wie vor hohes Ansehen genießt, gibt es wenig Kindersegen. Und dort, wo Karriere und Selbstverwirklichung für Frauen nicht nur akzeptiert, sondern gefördert und von der Gesellschaft als wünschenswert erachtet werden, gibt es viele Kinder, in Frankreich sogar einen kleinen Babyboom.

Woher kommt das? Zunächst einmal von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Gestalt von ausreichenden Kinderbetreuungseinrichtungen. In Frankreich sind alle öffentlichen Schulen Ganztagsschulen mit dem Angebot anschließender Hausaufgabenhilfe, und es gibt für alle, die sie brauchen, Kindergarten- und Kinderkrippenplätze. Folgerichtig sind Frauen, die anspruchsvolle Berufe haben und trotzdem drei, vier Kinder großziehen, keine Seltenheit. Dreikinderfamilien sind, ganz im Gegensatz zu Österreich, häufiger als Einkindfamilien.

Wirklich entscheidend ist aber nach Expertenmeinung noch etwas anderes. Hören wir den französischen Familiensoziologen Herve Le Bras (in einem Interview in der Zeit): Entscheidend ist "die große Verantwortung, die auf einer deutschen (oder österreichischen) Mutter lastet, die Verantwortung für das Seelenheil und den Erfolg des Kindes. Bei allem, was schiefgeht, fragt sie sich immer: Habe ich mich vielleicht nicht genug um mein Kind gekümmert? Französische Mütter hingegen sind überzeugt, dass ihre Kleinen im Kindergarten oder in der Krippe bestens aufgehoben sind. Die Gesellschaft und die Psychologen geben ihnen Recht. In Frankreich glaubt man nicht, dass ein Kind möglichst viel und lange mit seiner Mutter zusammensein muss, um das lebensnotwendige 'Urvertrauen' zu entwickeln. Je schwächer die klassische Familie als Referenzmodell, desto höher die Bereitschaft der Frauen, Kinder auf die Welt zu bringen."

Nicht dass in klassischen "Familienländern" wie Italien oder Österreich junge Paare nicht auch ohne Trauschein zusammenleben. Eine Frau, die Arbeit hat, zieht in der Regel mit ihrem Freund zusammen. Der Unterschied zu Frankreich oder Schweden besteht darin, dass dortzulande dann auch bald ein Kind kommt. Bei uns nicht. Hier werden "geordnete Familienverhältnisse" erwartet, bevor Kinder in die Welt gesetzt werden. Davor schrecken viele junge Frauen zurück.

Es zeigt sich also, dass konservative Familienpolitik, wenn auch gut gemeint, in der Praxis kontraproduktiv und familienfeindlich ist. Ideologie ist ein schlechter Ratgeber, wenn man - wie die derzeitige Regierung - in einem überalterten Land mehr Kinder und weniger Zuwanderer haben will. Pragmatismus und die Orientierung an den Wünschen der real existierenden Frauen - Selbstverwirklichung und Kinder - bringen mehr.

Vielleicht täte unseren zuständigen Ministern eine Studienreise nach Frankreich gut.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.03.2002)

Kommentar von Barbara Coudenhove-Kalergi
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