Tempeldienstfräulein

3. März 2002, 21:07
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Das "Gretchen" in Steins "Faust" und nun Tempelhure in "Gilgamesh": Dorothee Hartinger an der Burg

von Ronald Pohl


Wien - Ihre Ruh' war hin, ihr Herz schien leicht. Dorothee Hartinger gab in Peter Steins integraler Faust-Version das Gretchen. Sie war das rare Wunder in einer epischen Faltpapierlandschaft: ein kraushaarig spleeniges, ein wenig schnippisches, auch tief verletzliches Menschenkind, an dem Faust ungestraft sein krauses Mütchen versaufsagend abkühlte.

In Steins Welt war Herr Faust ("Heinrich, mir graut vor dir!") ein Laffe im seidenen Strumpf. Gretchen lag wie ein zu Tode verwundetes Tier im Kerker - in Hannover, Berlin, sodann in Wien. Zwei todlangweilige Jahre, wenn eben dieses Gretchen nicht gewesen wäre: Hartinger überragte die sie umstehende Hans-Sachs-Gesellschaft um Hauptes Länge. Eine unbeugsame Zeitgenossin zwischen lauter aufgeblätterten Theaterhandwerkern, die von Stein an ihren Reclam-Eselsohren genommen wurden.

Fest für Lesofanten

Heute besitzt Dorothee Hartinger einen Vertrag am Burgtheater und debütiert als Tempelhure "Shamhat" in Raoul Schrotts wortüberwältigender Gilgamesh-Fortschreibung. Wieder so ein Fest für Lesofanten, oder?

Hartinger: "Das Gilgamesh-Epos geht weit darüber hinaus, Naturphänomene zu erklären. König Gilgamesh, der nicht sterben will, sucht nach seinem Sinn auf der Welt. Bei der ,Hure' geht es ganz einfach darum, dass sie, die gegen Geld mit jedermann schläft, ausgeschickt wird, Enkidu, Gilgameshs späteren Freund, zu zähmen. Dass sie sich in ihn verliebt, ist die ungewollte Folge dieses Auftrags."

Ausfahrt ins Ungewisse

Frau Hartinger ist eine nachdenkliche Person. "Das Problem liegt eher darin", sagt sie, "dass Gilgamesh ein rein erzählender Stoff ist." Die Proben mit Theu Boermans seien eine Ausfahrt ins Ungewisse gewesen.

Stein, um zu Faust zurückzukehren . . . Stein sei ihre "wesentlichste Begegnung mit einem Regisseur" gewesen. Ihr Blick beseligt sich. Demnächst spielt sie bei Luc Bondy in Anatol. Im zentraleuropäischen Stadttheatermassiv geht es für sie von einem Gipfel zum nächsten. Gretchen träumt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.03. 2002)

Nächste Vorstellung:
Do., 7. 3
19 Uhr
Akademietheater
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    Die Schauspielerin Dorothee Hartinger allzeit bereit in "Gilgamesh".

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