Die Schweiz als monetäre Versuchung

3. März 2002, 21:39
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Krankenschwestern werden abgeworben

Irene Brickner

Gugging/St. Pölten - Starken Versuchungen sind derzeit die Schwestern und Pfleger in der niederösterreichischen Landesnervenklinik Gugging ausgesetzt. Der laut Pflegeschuldirektorin Rosa Kuselbauer "europaweit spürbare Schwesternmangel" schlägt sich in einer Vielzahl von brieflich ins Haus gelangenden Stellenanzeigen nieder.

Die offerierten Monatslöhne, zum Beispiel in der Schweiz, sind mindestens doppelt so hoch als jene, die in Österreich an diplomiertes Krankenpflegepersonal gezahlt werden. "Ich habe unterschrieben. Mein Gehalt wird umgerechnet 3633 Euro betragen. Hier in Gugging habe ich nach acht Dienstjahren 1526 Euro verdient", erzählt eine 38 Jahre alte Pflegerin. Für Kuselbauer ein Problem, da man auf der Psychiatrie derzeit selber auf Pflegerinnensuche sei.

Teure Schweiz

"Das hört sich nach sehr viel Geld an. Aber in der Schweiz sind die Lebenshaltungskosten beträchtlich höher", versucht Niederösterreichs Gesundheitslandesrätin (und frühere Pflegeleiterin im St. Pöltner Gemeindespital) Heidemaria Onodi (SP) die Faszination der hohen Zahl zu relativieren.

Ihrer Ansicht nach sind die heimischen Schwestergehälter gemessen am herrschenden Preisniveau "gar nicht so niedrig". Außerdem, so Onodi: "Lukrative Angebote aus der Schweiz gab es schon zu meiner Schwesternzeit. Aber nur die wenigsten gehen tatsächlich."

Konkret verdient eine frisch diplomierte Schwester in einem niederösterreichischen Gemeindespital 1432,20 Euro brutto pro Monat. Immerhin um 246,20 Euro mehr als jene in Ausbildung befindlichen Polizeischüler, deren niedrige Entlohnung im Zuge der jüngsten Korruptionsverdachts bei der heimischen Exekutive Aufmerksamkeit fand.

Dazu kommen bei den Schwestern 74,75 Euro monatlich Gefahren- und 123,67 Euro Erschwerniszulage. Für Turnusdienste werden monatlich pauschal acht Prozent des Gehalts dazugegeben: macht im beschriebenen Fall 114,57 Euro. Für Nacht-, Sonn- und Feiertagsdienste gibt es je 19,61 Euro.

Nach 15 Jahren im Dienst hat sich das Schwesterngehalt dann auf rund 2500 Euro samt Nacht- und Turnusdiensten erhöht: allesamt Summen, die, laut Onodi, "in sämtlichen Landes- wie Gemeindespitälern bundesweit ähnlich sind". Zusammenfassend ist sie überzeugt: "Abzüglich Miete, Energie-, Transport-und Lebensmittelkosten bleibt einer heimischen Schwester ähnlich viel über wie ihrer Schweizer Kollegin."

(DER STANDARD, Print, 04.03.2002)
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