"Ich bin Noris, und ich bin wütend"

4. März 2002, 09:04
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Italiens Bürger begehren auf: Knapp 500.000 Menschen demonstrierten in Rom gegen Silvio Berlusconi

Auch der Linksopposition stellte die Piazza wegen ihres unablässigen Parteienstreits die Rute ins Fenster. "Ihr habt uns aufgeweckt", versprachen die Ulivo-Führer.

STANDARD-Korrespondent Gerhard Mumelter aus Rom

Fast eine halbe Million Menschen beteiligten sich am Samstag in Rom an einer Großkundgebung des Ölbaum-Bündnisses (Ulivo) gegen die Regierung Berlusconi. Über drei Stunden zogen die Demonstranten mit Fahnen und Transparenten am Kolosseum vorbei zur Piazza San Giovanni vor der Lateranbasilika. "Ihr habt uns aufgeweckt. Vereint werden wir an die Regierung  zurückkehren!", versicherte Ulivo-Chef Francesco Rutelli unter dem Beifall der Menge. Vom Ausmaß der Demo waren selbst die Veranstalter überrascht. Doch bereits in den vergangenen Wochen waren die Anzeichen einer wach- senden Mobilisierung in ganz Italien unübersehbar.

Kommunistenchef Fausto Bertinotti bezeichnet sie abwertend als "Revolte des Mittelstands". Für Ministerpräsident Silvio Berlusconi dagegen sind einmal mehr die Kommunisten am Werk. Doch die neue Bewegung entzieht sich simplen Zuordnungen. "Man will uns jetzt unbedingt ein Etikett anheften", erregt sich Silvia Bonucci. Die römische Übersetzerin hat mit sieben Freundinnen einen "Girotondo" (Reigen) vor dem römischen Justizpalast organisiert. Über 5000 Menschen folgten dem Aufruf. "Wir sind weder Künstler noch Intellektuelle. Wir sind freie Bürger, die für die Rechte aller eintreten", so Bonucci zum STANDARD.

40.000 indes kamen vor zwei Wochen zum "Tag der Legalität" in Mailand. Was treibt die Menschen acht Monate nach den Wahlen plötzlich auf die Straße? Eine der Antworten hatte eine Demonstrantin in Mailand auf ein Schild gemalt: "Ich bin Noris, und ich bin wütend". Doch um die aufgestaute Wut abzureagieren, bedurfte es einer Initialzündung: Erst der Aufschrei des Regisseurs Nanni Moretti über den Zustand der Linksopposition hat viele aus Resignation und Lethargie aufgeschreckt. Die wachsende Empörung vieler Bürger über Berlusconis Umgang mit Macht entlädt sich zunehmend in spontanen Aktionen.

"Gewaltlose Bewegung"

"Es ist eine gewaltlose und fröhliche Bewegung", behauptet deren Symbolfigur Francesco Pardi aus Florenz. "Es macht richtig Spaß", gesteht die 46-jährige Journalistin Daria Colombo. Sie hat die Kundgebung in Mailand über Internet mitorganisiert: "Die Menschen haben offenbar nur auf einen Motivationsschub gewartet." Die neapolitanische Universitätsdozentin Rossella Coccia, Veranstalterin eines Fackelzuges mit 30.000 Teilnehmern, bestätigt: "Noch nie war der Ärger der Bürger über die Politik größer als jetzt."

Nicht nur der Ärger über Berlusconis Umgang mit der Macht. Mit derselben Vehemenz geht die Bewegung mit den zerstrittenen Linksparteien und deren "fossiler Machtpolitik" ins Gericht. Es sind vor allem Frauen, die den Widerstand organisieren. Die meisten sind Ulivo-Wählerinnen, gehören aber keiner Partei an. "Wir sind berufstätig und haben Familie. Und wir stellen täglich fest, wie weit das parteipolitische Gerangel von den wirklichen Bedürfnissen der Menschen entfernt ist", ärgert sich Übersetzerin Silvia Bonucci.

Ob die Bewegung konkrete Anliegen durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. Die Führung des Ölbaum-Bündnisses, die in den letzten Wochen mit Kritik überhäuft wurde, ist vorerst gewarnt. "Ihr habt uns den Weg gewiesen", gestand Francesco Rutelli den Demonstranten, deren "Unità-Unità"-Slogans lautstark den Willen nach Einheit bekundeten. Ein erstes Ergebnis ist: Bei den Wahlen im Mai will die gesamte Linksopposition nur mit der Ulivo-Liste ins Rennen gehen.

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