"Gott sollte alle Araber zerstören"

3. März 2002, 19:17
17 Postings

Blut, Rauch und Tränen: Ein Attentäter zündete in Beit Israel eine Splitterbombe

Dan Williams

Jerusalem - Wäre die dicke Jerusalemer Mauer nicht gewesen, dann wäre der Familie Hasan ein Besuch in dem jüdisch-orthodoxen Viertel Beit Israel zum Verhängnis geworden. "Wir waren in einem Gästehaus in Beit Israel und bereiteten die Bar-Mizwah-Feier vor, als die Explosion geschah und alles schwarz wurde", erzählt Hagar Hasan im Krankenhaus, wo sich ihr Sohn Eden von dem Schock erholte.

An der anderen Seite der Mauer war zwei Stunden vorher - Beit Israel tauchte gerade aus der Stille des Sabbat auf und die Gläubigen strömten aus den Synagogen - ein palästinensischer Selbstmordattentäter auf eine Gruppe von Menschen zugegangen und hatte eine Splitterbombe gezündet. Neun Menschen, darunter ein Baby, starben und Dutzende wurden verletzt.

Rettungskräfte riegelten den Unglücksort ab. Hunderte der jüdisch-orthodoxen Anwohner, noch immer in Festtagskleidung, versammelten sich an den engen Eingangsstraßen des Jerusalemer Stadtviertels. Gerüchte über verletzte Angehörige oder Schlimmeres schwirrten herum.

Ein 22-jähriger Student sagte, er habe gerade seine Gebete beendet, als er die Explosion gehört habe. "Es war verrückt. Kinder und Erwachsene rannten überall umher. Ich sah eine Frau auf der Straße sitzen und schreien, dass ihr Sohn getötet worden sei. Und da war dieser Geruch, eine Mischung aus Fleisch und Abwasser und Rauch."

Mitarbeiter der Bestattungsgesellschaft heben zwischen den Trümmern - glitschig von Motorenöl und Blut - menschliche Überreste auf. Von einem Balkon eines Gästehauses sehen Kinder teilnahmslos zu.

"Gott sollte alle Araber zerstören", fordert ein Mann von seinen Mitgläubigen, aber sie lassen ihn stehen, als er nach einem "Amen" ruft. Nahe der Polizeiabsperrung hält eine andere Gruppe für Fernsehkameras Banner mit nationalistischen Sprüchen in die Luft. "Tod den Arabern! Keine Araber, keine terroristischen Anschläge!", rufen sie. Ein weltlicher Zuschauer verzieht das Gesicht. "Leute, bitte! Das ist genauso lächerlich wie ,Keine Juden, keine Terror-angriffe.'" Als sich ein lautstarker Wortwechsel entwickelt, beteiligt sich eine orthodoxe alte Dame am Geschrei: "Tod Peres, Tod den Linken", murmelt sie, aber ihre Stimme trägt nicht.

Im Krankenhaus liegt Hagar Hasans 16-jähriger Sohn Eden stumm auf der fahrbaren Krankentrage. Neben ihm steht sein Cousin, Naweh, dessen Bar-Mizwah Anlass der Reise der Hasans gewesen war. Naweh trägt noch seinen feierlichen schwarzen Anzug. Im Gegensatz zu seinem Vetter sind Edens Haare gefärbt, er trägt einen Ohrring. Beide vereint der Ausdruck verständnislosen Erstaunens.

Ein Sprecher des Krankenhauses sagt, ein Mädchen sei verstorben. Am Eingang der Notaufnahme bricht eine Frau weinend zusammen. "Die Großmutter des Babys", sagt ein Wachmann, bevor er die Frau in die Arme der Seelsorger weitergibt.

(DER STANDARD, Print, 04.03.2002)
Share if you care.