Chinas Globalisierung

3. März 2002, 19:33
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Kommentar von Johnny Erling

Johnny Erling

Der Entsendung multinationaler Friedenstruppen auch mit UNO-Mandat hat China bisher immer misstraut. Man berief sich dabei auf das Prinzip der Nichteinmischung. Schließlich konnte Peking sich gut vorstellen, dass sich eines Tages andere in seine "inneren Angelegenheiten" einmischen würden. Etwa bei einer Krise um Taiwan oder bei einem Volksaufstand in Tibet. Vom ständigen UN-Sicherheitsratsmitglied war daher in der Frage von Militäreinsätzen im besten Fall Stimmenthaltung zu erwarten.

Seit die USA den Terrorismus zum Weltfeind erklärt haben, sind die früheren Begrenzungen gefallen. Plötzlich kann Peking einem Truppeneinsatz für Afghanistan zustimmen. Die Vorstellung erscheint nicht mehr abwegig, dass das Reich der Mitte selbst Truppen zu künftigen Friedensmissionen beisteuert.

Der Grund für den Wandel liegt zuerst in der Einschätzung chinesischer Strategen, die das Verhältnis zu den USA seit dem 11. September von neuen Elementen bestimmt sehen. Chinas Militärs sprechen von der "dritten Zusammenarbeit". Unter ihnen kursiert das Wort vom gemeinsamen Feind, der eine Naht über alle Gegensätze schweißt. Das war so 1941 nach Pearl Harbor gegen die Japaner, nach 1971 gegen die Sowjets und jetzt gegen den Terror. Die neue Freundschaft geht so weit, dass das FBI in Kürze ein Büro in Chinas Hauptstadt einrichten darf.

Es wäre naiv zu glauben, dass Peking in der "Einheitsfront gegen den Terrorismus" nicht eigene Pläne verfolgt. Es will mit dem Separatismus in Xinjiang oder Tibet aufräumen. China möchte zudem mittelfristig nicht nur mitentscheiden, welche Mächte sich in seinen Hinterhöfen Zentral- und Südostasiens festsetzen, sondern mit von der Partie sein, wenn dort UN-Friedensmissionen unvermeidbar werden. Das sollte niemanden verwundern. Wirtschaftlich und politisch geht China längst den Weg der Globalisierung. Jetzt plant es ihn auch militärisch.

(DER STANDARD, Print, 04.03.2002)
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