Der Ohrenmaschinist

3. März 2002, 21:35
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"Sascha Arschloch" - wie Ex-Stasi-Spitzel Sascha Anderson auch genannt wird - versucht einer widrigen, politisch entstellten Realität Poesie abzugewinnen

Mit der Aufdeckung von Sascha Andersons Spitzeltätigkeit für die Stasi geriet Anfang der 90er-Jahre die ganze Prenzlauer Dichterszene in Verruf. Nun versucht der Autor, späte Erkundungsarbeit zu leisten.

von Bert Rebhandl


Berlin - Um die Mittagsstunde ist das Tanzcafé Burger kein besonders einladender Ort. Es ist finster, und nichts sieht nach den Versammlungen der Berliner Spaßkultur aus, die abends an diesem Ort in der Nähe des Rosa-Luxemburg-Platzes stattfinden. Es ist aber auch ein seltsames Ritual, dessentwegen der DuMont Verlag die Presse in dieses Lokal geladen hat: Sascha Anderson will Rede und Antwort stehen. Er will erklären, warum er seine Geschichte noch einmal aufgeschrieben hat, wo sie doch bis zum Überdruss bekannt ist.

Als nach dem Ende der DDR die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit öffentlich wurden, wurde auch das Doppelleben des Sascha Anderson bekannt. Er hatte "in sozialistischem Auftrag" und unter wechselnden Decknamen über viele Jahre hinweg die Stasi mit Informationen aus einer Szene versorgt, die in den Achtzigerjahren als Avantgarde vom Prenzlauer Berg die Aufmerksamkeit nicht nur der DDR-Beamten, sondern auch der westlichen Medien erregt hatte.

Schimpfliche Erinnerung

Jetzt sind es bald zehn Jahre, seit diese Tatsache der Öffentlichkeit bekannt wurde, seit Wolf Biermann ihn als "Sascha Arschloch" tituliert hat, seit Anderson damit leben muss, dass er als öffentliche Person rettungslos diskreditiert ist.

"Verrat ist das richtige Wort", schreibt der Verlag ein wenig reißerisch auf den Schutzumschlag des Buches, und durch den Namen Sascha Anderson, der auch der Titel seiner Autobiografie ist, zieht sich ein Riss. Versöhnen lässt sich da nichts mehr, aber lässt sich etwas erzählen?

Sascha Anderson wird im nächsten Jahr fünfzig Jahre alt, da bleiben "noch dreißig, vierzig Jahre", sagt er. Für eine Selberlebensbeschreibung hätte er also noch Zeit genug gehabt, bis die DDR und damit auch seine eigene Geschichte endgültig historisch geworden wären.

Die verratenen Opfer leben noch

Noch aber leben die Opfer, noch werden die Akten gelesen, in denen Andersons Verrat dokumentiert ist. "In der Kontur, die sich aus den Akten abzeichnet, erkenne ich mich wieder. Der Kommentar des in Adjektive verliebten Autors denunziert die Opfer. In ihm (nicht dem Text, dem Journalisten) begegne ich dem, was ich nie sein wollte, dem, was ich war."

Anderson ist eingekreist von Fakten, Fakten, Fakten, seine Freiheit findet er nur in der Sprache. Er orientiert sich an Novalis, von dem zahlreiche Textbausteine in seinen eigenen Text eingearbeitet sind, ohne dass recht deutlich wird, worin dieser angemaßte Wahlverwandtschaft bestünde. Es geht um Literatur, um eine Ausdrucksweise, die nicht aus der Recherche kommt, sondern aus der Kronzeugenschaft, mit der Anderson sich selbst gegenübertritt.

Unrettbares Selbstbekenntnis

Mit dem Buch geht er in die Offensive, bei seinen öffentlichen Auftritten aber ist er unweigerlich in eine Verteidigungshaltung gezwungen, und es sieht auch ein wenig danach aus, als würde der Verlag ihn vorführen.

Es wurde lange an dem Text gearbeitet, sagt Anderson, das Lektorat habe ihn mehrfach "berichtigt". Es ist ein literarischer Text, dessen sprachliche Qualität entscheidend sei, sagt der Verleger.

Das Buch Sascha Anderson ist aber weder Literatur noch hat es große analytische Qualitäten. Es ist ganz einfach eine Niederschrift dessen, was Anderson für bedeutsam hält. Der Aktionismus, dessen er sich häufig selbst bezichtigt, prägt auch den Text, der selbst in seinen reflexiven Passagen ein wenig ungeduldig wirkt.

Kategorien von Trivialpsychologie

Der Stilwille kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Anderson sich selbst in den Kategorien einer trivialen Psychologie begreift - oder einfach ins Raunen verfällt: "Der psychische Hunger hat zu jenem Begriff von Produktion geführt, der im Grunde auch nichts anderes war als die Fortsetzung der Wirtschaft des Staates mit den Mitteln des Mangels."

Der literarischen Dekonstruktion eines jeden DDR-"Ichs", die Wolfgang Hilbig vorgenommen hat, setzt Sascha Anderson ein trotziges "Ich" entgegen, in dem noch ein frühkindlicher Behauptungswille nachklingt, aber auch der Wille, um jeden Preis zu erzählen, und sei es einem Führungsoffizier der Staatssicherheit.

Jetzt ist Sascha Anderson eben Mitarbeiter des DuMont Verlags, und die Geschichte eines Mannes, der von Instanzen umstellt ist, geht weiter.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.03. 2002)

Sascha Anderson: "Sascha Anderson", 2002
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