Abkehr von der "Insel-Mentalität"

3. März 2002, 17:54
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Der Mythos vom "Sonderfall Schweiz" steht auf dem Prüfstand

Genf - Die Schweiz geht nur zögerlich auf den Rest der Welt zu. Die Abstimmung über den Beitritt zu den Vereinten Nationen hat das knappest mögliche Ergebnis gebracht. Aber es ist ein Ergebnis, dass die veränderte Stimmung in einem Lande zeigt, das im vergangenen Jahr ungeahnte Tiefen durchlaufen hat.

Noch 1986 war die Ablehnung eines UNO-Beitritts so eindeutig, dass diesmal kaum jemand eine sichere Prognose gewagt hatte. Aber schon bei der Kampagne um die Stimmen für einen UNO-Beitritt in den letzten Wochen hatte sich abgezeichnet, dass große Teile der Schweizer Bevölkerung nicht mehr im Gestern verharren wollten.

Gegnern und Befürwortern eines UNO-Beitritts war es gelungen, ihre Anhänger zu mobilisieren. Das zeigt die hohe Beteiligung der Bevölkerung an der Abstimmung. Beiden Parteien spielten aber auch die Umstände in die Hände. Die Schweiz als Insel im Euro-Land sorgt für Unbehagen, weil erstmals deutlich wird, welche Nachteile dies für den Schweizer Export hat. Die Schweiz kann in Europa nur mitreden aber kaum mitbestimmen; die Verhandlungen über eine Annäherung der Schweiz an die EU ohne Mitgliedschaft treten auf der Stelle. Viele Schweizer Industrieriesen schwanken, auch wegen Fehlern einheimischer Manager.

Deutlich fällt im Alpenland auch das stärker werde Gewicht der Vereinten Nationen in der Weltpolitik auf. Schon jetzt ist die Schweiz an UNO-Missionen direkt oder indirekt beteiligt, sitzt aber bisher - wie in der EU - nur auf der Beobachterbank. Die Ereignisse auf dem Balkan und in Afghanistan, der Kampf gegen den Terror, aber auch die Gewalt-Eruptionen im Nahen Osten haben vielen klar gemacht, dass man sich eigentlich nicht mehr heraushalten kann, wie die Gegner des UNO-Beitritts weiter reklamiert hatten.

Stimmen der politischen und wirtschaftlichen Elite

Vor allem die politische und wirtschaftliche Elite des Landes hat sich diesmal energisch für den Beitritt zu einer internationalen Organisation in die Bresche geworfen. Sie konnte auch deutlich machen, dass das hohe Gut der Neutralität nicht auf dem Spiele steht und dass sich die Schweiz unter Berufung darauf nicht weiterhin mit dem ebenfalls nicht den Vereinten Nationen angehörenden Vatikan vergleichen kann.

Aber die Mehrheit kam wohl auch zu Stande, weil sich die Zeichen mehren, dass eine Insel-Mentalität nicht durchzuhalten ist. Der Swissair-Bankrott hat vieles ins Wanken gebracht, urteilen die Zeitungen seit Monaten. Die Schweiz unterscheidet sich in dieser Welt nicht so sehr von den anderen, dass ein Sonderweg, eine Isolationspolitik, weiter zu verantworten gewesen wäre.

Noch ist die Schweiz weit davon entfernt, der Europäischen Union oder gar der Nato beizutreten. Doch das Ja zu den Vereinten Nationen dürfte nach Einschätzung von Beobachtern weitere zögerliche Öffnungen nach sich ziehen. "Der Mythos vom Sonderfall Schweiz" sei noch nicht ganz überwunden, aber er stehe nun auf dem Prüfstand, hieß es. (APA)

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