Atomphysiker Hans Bethe: "Sie könnten Hunderte von Atombomben einschmuggeln"

6. März 2002, 13:55
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Atomphysiker Hans Bethe in einem STANDARD-Interview über die Ignoranz der Mächtigen, den 11. September und über Hiroshima

STANDARD: Herr Bethe, im Frühjahr haben Sie ein Schreiben an den amerikanischen Präsidenten mitverfasst.

Hans A. Bethe: Sie müssen in mein linkes Ohr sprechen. Rechts höre ich nichts mehr.

STANDARD: Darin warnten Sie George W. Bush vor den Gefahren terroristischer Anschläge in den USA. Hat er Ihnen eigentlich geantwortet?

Bethe: Der Inhalt wurde ihm erst im Sommer zur Kenntnis gebracht. Ich hätte allerdings auch nie eine Antwort erwartet.

STANDARD:Obwohl Sie eine so bedeutende Persönlichkeit sind?

Bethe: Ich bin nicht bedeutend.

STANDARD: Sie waren als Leiter der Theorieabteilung in Los Alamos maßgeblich an der Entwicklung der ersten Atombombe beteiligt, Sie sind Physik-Nobelpreisträger und richteten sich an den Präsidenten gemeinsam mit vielen weiteren Nobelpreisträgern.

Bethe: Wir wenden uns an Physiker, an gebildete Leute. Bei der Regierung landen solche Schreiben in irgendeiner Ablage.

STANDARD: Sie wollten sich in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen?

Bethe: Unser Thema hat niemanden interessiert. Ich habe da auch keine Ambitionen und keine Hoffnung mehr. Früher war das noch anders. Ab 1957 erfüllte ich meine Pflicht im President’s Science Advisory Committee, dem wissenschaftlichen Beirat im Weißen Haus, danach in einem Unterkomitee. Heute stelle ich meinen Namen nur noch einigen Friedensfreunden für ihre Rundschreiben zur Verfügung, wenn es um Dinge geht, die mir wichtig erscheinen.

STANDARD: Wer hatte denn die Idee zu jenem Schreiben?

Bethe: Zahlen vergesse ich nie, Namen inzwischen oft. Ich erinnere mich nicht mehr.

STANDARD: In dem Schreiben rieten Sie und Ihre Kollegen Bush vehement von seinen Plänen für eine Raketenabwehr im Weltraum ab und prophezeiten, dass die Gefahr, die von Terroristen ausgeht, sehr viel größer sei als die Bedrohung durch feindliche Nationen.

Bethe: Russland ist derzeit nicht unser Feind, deswegen sind solche Weltraum-Pläne einfach unsinnig. Die Terroristen des 11. September kamen nicht aus dem Weltall, sie brauchten auch keine Interkontinentalraketen. Abgesehen davon, dass so ein Abwehrschirm ja ohnehin nicht funktionieren würde.

STANDARD: Warum nicht?

Bethe: Man könnte so einen Raketenabwehrschirm ganz einfach unterlaufen, indem man Bomben entwickelt, die außerhalb der Atmosphäre in einer Art Tasche fliegen. Der Behälter bewegt sich dort wegen des fehlenden Luftwiderstands ebenso leicht wie eine einzelne Rakete und könnte ein, zwei Dutzend Bomben plus Attrappen im Weltraum abwerfen, die beim Eintritt in die Atmosphäre kaum von einander zu unterscheiden wären. Das haben wir in den sechziger Jahren schon McNamara gesagt. Robert McNamara, Kennedys und Johnsons Verteidigungsminister. Heute planen sie, Interkontinentalraketen schon in der Startphase abschießen zu können. Das behebt aber nicht das prinzipielle Problem, echte Bomben von Attrappen zu unterscheiden. Für Terroristen wäre es ohnehin viel einfacher, eine in Einzelteile zerlegte Atombombe in die USA zu schmuggeln, wie in diesem Schreiben vom Sommer ausdrücklich gewarnt wurde. Es landen täglich so viele Schiffe in den Häfen von New York oder New Orleans, in denen können Sie die Hunderte von Atombomben einschmuggeln.

STANDARD: Wie schwer muss man sich so einen Sprengkopf vorstellen?

Bethe: Ich möchte Ihnen jetzt keinen Nachhilfeunterricht erteilen, aber Russen und Amerikaner haben auch so kleine gebaut, dass sie von einer einzigen Person getragen werden können.

STANDARD: Hatten Sie je selbst eine Atombombe in der Hand?

Bethe: Nein, ich habe nur einmal eine gesehen. Die war allerdings ein bisschen größer. Werner Heisenberg, der die Bombe für die Nazis entwickeln sollte, schätzte die dafür notwendige Sprengladung auf die Größe einer Ananas. Heisenberg hatte in Wirklichkeit nicht die geringste Ahnung. Seinem Kollegen Walter Bothe war ein entscheidender Fehler bei der Konzeption der deutschen Bombe unterlaufen.

STANDARD: Bothe war eben nicht Bethe.

Bethe: Danke für das Kompliment. Der Weg zur Bombe wäre für die Deutschen weit länger gewesen, als Heisenberg dachte. Das spaltbare Material, das in unserer ersten Bombe steckte, brauchte noch weniger Platz als eine Ananas: etwa wie ein großer Apfel.

STANDARD: Ein großer vergifteter Apfel.

Bethe: Die Test-Explosion am 16. Juli 1945 in New Mexiko war beeindruckend und erschreckend zugleich, wenn man wusste, worum es ging. Wir verstanden sofort, dass dieses Bild nichts Gutes bedeutete. Die Wüste erglühte in weißem Licht, die dunklen Wolken färbten sich lila und dann formte sich schließlich der Pilz.

STANDARD: Hat dieses Bild bei Ihnen einen genau so starken Eindruck hinterlassen wie das der zusammenfallenden Türme des World Trade Centers?

Bethe:Die Luftaufnahmen von Hiroshima am Tag nach dem Abwurf waren noch einprägsamer.

STANDARD: Terroristen wie bin Laden hätten Ihre Atombombe auch gerne.

Bethe: So was selbst zu bauen ist alles andere als einfach.

STANDARD: Die Bedienung einer Boeing 767 ist auch nicht einfach.

Bethe: 20 bis 50 deutsche Ingenieure und Physiker brächten das zu Stande, 50 afghanische sicherlich nicht. Und würden Terroristen eine Rakete kaufen, könnte man ihren Transport dank unserer Satelliten über jeden einzelnen Meter verfolgen. Das Pentagon weiß sehr genau, welche Waffe es gegen so ein Ziel braucht. Einzelne Sprengköpfe wären allerdings nicht so leicht zu orten.

STANDARD: Sie halten das Pentagon also doch für vertrauenswürdig?

Bethe: Ich vertraue unseren Satelliten. Die haben sehr gute Augen und sehen bestimmt, ob irgendwo etwa aus der Ukraine oder Kasachstan eine Nuklearrakete abtransportiert wird.

STANDARD:Sie haben sich immer für die zivile Nutzung der Kernenergie stark gemacht.

Bethe: Das stimmt. Atomkraftwerke sind immer sicherer geworden.

STANDARD:Sind sie auch sicher bei Jumboabstürzen?

Bethe: Eine Attacke wie am 11. September würde eine gewisse Menge Radioaktivität freisetzen, aber weit weniger als etwa der Unfall in Tschernobyl, bei dem der Reaktor explodierte. Ein Flugzeugabsturz auf einen Reaktor würde höchstwahrscheinlich nur im Umkreis von einem Kilometer zu einer ernsthaften Verseuchung führen.

STANDARD: Sie haben keine Angst?

Bethe: Warum sollte ich? Mir würde auch niemand einen Milzbrand-Brief schicken wollen. Wir haben allerdings wirklich zu oft damit geprahlt, die Besten zu sein. Das war nicht sehr weise. Wir haben einen Präsidenten gewählt, der nicht sehr clever ist in dem, was er sagt und tut. Ständig betont Herr Bush, wie stark wir seien. Dabei sind wir sehr verletzlich. Selbst die kleine Schweiz hievt sich nicht auf die Weltbühne und verkündet: Wir sind reicher als Ihr alle. Obwohl das noch stimmen könnte. Aber um mich persönlich habe ich keine Angst. Wenigstens ist die Gefahr eines weltweiten Atomkrieges gebannt.

STANDARD: Auch dank Ihres Zutuns. Sie waren immer für die Abrüstung.

Bethe: Präsident Eisenhower ließ sich schon 1958 von der Notwendigkeit eines atomaren Versuchsstopps überzeugen, nach drei Jahren zäher Verhandlungen kamen wir sogar mit den Russen überein. Aber damals gab es in diesem Land eine starke Opposition und Eisenhower versäumte zu tun, was er als ausgebildeter General hätte tun sollen. Er setzte sich nicht durch. Wenigstens hörte er auf uns Wissenschaftler, wir verstanden schließlich etwas von der Sache. Johnson aber schenkte uns kaum Aufmerksamkeit, er nahm uns lediglich zur Kenntnis. Nixon hingegen wollte überhaupt nichts mit uns zu tun haben: Wir waren gegen sein Lieblingsprojekt, ein viel zu teures Überschall-Passagierflugzeug. Wir haben den USA sicherlich viele Milliarden Dollar erspart, aber Nixon löste den wissenschaftlichen Beirat einfach auf. Ich weiß nicht mehr, welcher Präsident ihn wieder einsetzte, aber er wurde nie wieder das, was er einmal war. Ich war erfreut zu lesen, dass George W. Bush Naturwissenschaft wieder für wichtig hält und Wissenschaftler zu Rate ziehen will. Mit John Marburger hat er eine gute Wahl getroffen.

STANDARD: 1963 hatten Sie jedenfalls Erfolg mit einem Verbot von Atomtests.

Bethe: Ja, von Tests in der Atmosphäre, aber nicht von unterirdischen. Ich engagierte mich später auch für den Nichtverbreitungsvertrag und habe mich immer für eine drastische Reduzierung der Nuklearsprengköpfe eingesetzt. 50 würden genügen, um Leute wie Bin Laden in Schach zu halten. So sehe ich das noch heute.

STANDARD: Edward Teller, mit dem 1952 einige Monate lang an der Wasserstoffbombe arbeiteten, sprach sich gegen eine Reduzierung aus.

Bethe: Später riet er Reagan auch zu den Plänen der Raketenabwehr im Weltraum, die ich - wie erwähnt - für unausführbar halte. Inzwischen gehen wir wieder freundlicher miteinander um.

STANDARD: Warum hat Teller den Russen so misstraut?

Bethe: Weil er als Kind die Schrecken des Kommunismus erlebt hat. Die Wasserstoffbombe war für ihn ein Mittel zur Friedenserhaltung. Teller ist sehr gut im Erfinden von Sätzen, die friedfertig klingen. Ich bin auch sicher, dass er wirklich Frieden will, aber nur auf seine Weise. Darf ich Ihnen ein bisschen Wissenschaftsgeschichte erzählen?

STANDARD: Gern.

Bethe: Teller vermutete unter anderem, die Russen könnten nach einem Verbot die Tests einfach in den Weltraum verlegen. Um sie dort nachweisen zu können, wurden Satelliten installiert, die Gammastrahlung erfassen. Wir haben freilich nie Weltraumtests der Russen beobachtet, dafür aber Gammastrahlung von weit entfernten Quellen, die sich später als Supernovae herausstellten. Große Sterne strahlen am Ende ihres Lebens Gammastrahlen aus, in einer riesigen Explosion. Nicht einmal Teller wollte das den Russen in die Schuhe schieben. Seinen Vorbehalten gegenüber der Einhaltung von Testverboten verdanken wir also wichtige astronomische Erkenntnisse. Sie sehen, ich habe immer noch meinen Spass, aber nicht den geringsten politischen Einfluss.

STANDARD: Sie kannten Teller schon aus München?

Bethe: Ja, er ist zwei Jahre jünger als ich und ich mochte ihn. Arnold Sommerfeld, mein damaliger Professor, bei dem ich promovierte, ließ mich die Hausaufgaben seiner jüngeren Studenten korrigieren, auch die von Teller. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit. 1926 legte Erwin Schrödinger zu meinem großen Glück gerade seine geniale Arbeit vor, durch die ich überhaupt zur Quantenmechanik kam. Seiner Theorie habe ich ein gut Teil meiner wissenschaftlichen Karriere zu verdanken.

STANDARD: Die Quantenmechanik war revolutionär. Warum fiel Ihnen der Zugang so leicht?

Bethe: Zum einen war ich sehr jung. Zum anderen wollte ich sie nur anwenden, und kümmerte mich nicht um die philosophischen Probleme, die sie aufwirft.

STANDARD: Haben Sie gern mit anderen Physikern zusammengearbeitet?

Bethe:Ich rede gerne über Ideen, aber sobald es wirklich drauf ankommt, ziehe ich es vor, allein zu arbeiten.

STANDARD: Schon als Kind haben Sie sich Vieles allein beigebracht. Sogar eine eigene Schreibweise haben Sie erfunden, in der Sie Grossbuchstaben auf einer Zeile von links nach rechts und auf der nächsten von rechts nach links aneinander setzen.

Bethe: Das ist doch die logischere Art zu schreiben. Man spart dadurch viele überflüssige Handbewegungen. Als ich später auf Kreta eine Inschrift der alten Griechen sah, durfte ich entdecken, dass schon jemand vor mir auf diese Idee gekommen war.

STANDARD: Haben Sie auch die berühmte Bethe-Bibel so geschrieben?

Bethe: Nein, nein. Meine Schrift war für andere nicht gut lesbar. Die Übersichtsartikel, die heute als Bethe-Bibel bekannt sind und die zum ersten Mal zusammenfassend erklärten, was man ? und ich ? damals von Kernphysik wußte, schrieb ich erst Mitte der dreißiger Jahre, nachdem ich in die USA emigriert war. Jedes Frühjahr, genau zur Kirschblütenzeit, fand damals in Washington übrigens ein kleines Treffen statt, auf dem eine Hand voll Leute über Kernphysik diskutierte. Teller organisierte das gemeinsam mit dem Physikerkollegen George Gamow. Zu jener Zeit war Teller wahrscheinlich mein bester Freund, ich wohnte während dieser Konferenzen sogar in seinem Haus. 1938 ging es darum, wie Sterne ihre Energie gewinnen. Ihre Helligkeit wächst mit ihrer Masse. Aber warum können gewisse Sterne, die nur die 10- bis 20-fache Masse der Sonne besitzen, 100 000 mal stärker leuchten? Ich erklärte diesen riesigen Sprung mit dem Kohlenstoff-Stickstoff-Zyklus, der enorme Mengen an Energie freisetzt. Diese Entdeckung wurde zur Grundlage meines Ruhms, obwohl ich mich damals eigentlich mehr für andere Probleme interessierte. Teller aber überredete mich, an dem Treffen teilzunehmen.

STANDARD: Sie verdanken den Nobelpreis also letztlich Ihrem zeitweilig größten Gegner, der ihn selbst nie bekommen hat. War Edward Teller auf Sie eifersüchtig?

Bethe: Vielleicht, ich weiß es nicht.

STANDARD: Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?

Bethe: Vor fünf Jahren etwa. Ich besuchte ihn in Kalifornien. Erst kürzlich habe ich seine Autobiographie für Physics Today besprochen. Teller hat sein Leben in diesem Buch recht zutreffend geschildert. Ein Großteil seines Lebens widmete er dem Wohl der Öffentlichkeit. Wir stimmten nicht immer überein, was zu tun sei, aber ich hoffe, wir haben allmählich wieder Frieden geschlossen.

STANDARD: Stimmt es, dass Ihre Frau Rose Sie davon abbringen wollte, mit Teller an der Wasserstoffbombe zu arbeiten?

Bethe: So war es. Teller war sicher, dass die Russen die H-Bombe innerhalb von fünf Jahren bauen könnten und der Kalte Krieg uns keine Wahl lassen würde. Als dies sich auch tatsächlich abzeichnete, arbeitete ich auch kurze Zeit mit.

STANDARD: Ihre Frau war zwölf Jahre alt, als Sie sich kennenlernten.

Bethe: Roses Vater Paul Ewald, mein Professor in Stuttgart, bat mich 1929, ab und an mit ihr und ihrem Bruder Spazieren zu gehen. Sie war ein liebes Kind und ich kam sehr gut mit ihr aus. Damals war sie natürlich noch nicht verliebt in mich, ich war ja zehn Jahre älter. Als 17-Jährige wollte sie mich dann auch nur heiraten, um von zu Hause und den Nazis weg zu kommen.

STANDARD: Wann wird Ihre Biographie erscheinen?

Bethe: Oh, in etwa 100 Jahren. Ein sehr fähiger Wissenschaftshistoriker schreibt schon mehr als zehn Jahre daran. Sein großes Wissen ist das Problem. Um meinen Werdegang zu schildern, schreibt er erst über Wilhelm Humboldt, der zu Anfang des 19. Jahrhunderts die preußische Universität reformierte und ohne den wiederum mein Großvater nie Professor geworden wäre. Mein Biograf liebt es, einfach alles zu erklären, was er weiß. Und er weiß ziemlich viel. Er hat ein ausgezeichnetes Buch über die Quantenelektrodynamik geschrieben, an dem ich keine einzige Seite ändern würde.

STANDARD: Warum schreiben Sie Ihre Biografie nicht selbst?

Bethe: Ich habe interessantere Dinge zu tun. Bis vor wenigen Monaten versuchte ich noch einige neue Sachen in der Astrophysik zu machen, gemeinsam mit einem Mann, der 20 Jahre und 20 Tage jünger ist als ich: Jerry Brown. Wir beschäftigen uns mit Supernovae. Es ist leicht zu verstehen, dass ein Stern am Ende seines Lebens explodiert. Aber wie genau passiert das? Wir hatten eine neue Theorie präsentiert, die inzwischen widerlegt wurde. Ich sehe Brown nur einmal im Jahr, wir sind aber in ständigem Fax-Kontakt.

STANDARD: E-mail und Computer mögen Sie nicht?

Bethe: Ein Fax reicht mir völlig. Einmal habe ich meine Einkommenssteuer auf einem PC berechnet. Es war eine langsame Maschine.

STANDARD: Ihr Sohn ist Banker. Hat er auch im World Trade Center gearbeitet?

Bethe: Nein, Henry war Vize-Direktor bei Chase Manhattan. Einer von 500, wie er immer zu ergänzen pflegt, doch ich denke, er machte seinen Job recht gut. Aber er hatte großes Pech. Sein Boss musste Geld sparen und hat ihn gefeuert, kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag. Etwas später wäre die Abfindung wesentlich höher ausgefallen. Henry hat auch so genug Geld zum Leben. Jetzt betreut er meine Briefmarkensammlung.

STANDARD: Bereuen Sie es, an der Atombombe mitgearbeitet zu haben?

Bethe: Ja, ich bedaure das. Ich bedaure, dass diese Waffen existieren, aber so ist nun einmal unsere Welt. Unter den gegebenen Umständen war es dennoch richtig.

STANDARD: Hätten Sie die Bombe selbst gebaut, wenn Sie sich damals sicher gewesen wären, der einzige zu sein, der dies vermag?

Bethe: Nein, ich hätte es nicht getan. Aber Ihre Hypothese baut auf einer sehr unwahrscheinlichen Annahme auf. Vielleicht bin ich der letzte, der die ganze Physik seiner Zeit verstanden hat, doch das ist lange her. Seit 1950 hat sich die Physik viel zu schnell entwickelt, als dass noch irgend jemand auf sämtlichen Gebieten mithalten könnte. Heute sind hunderte von Wissenschaftler so gut wie ich und wissen, wie man diese Waffen bauen kann. Es steht in Büchern, wahrscheinlich sogar im Internet, und es gibt keinen Weg dieses Wissen wieder aus der Welt zu schaffen. Deswegen meine ich ja: Reduziert die Zahl der Bomben. Nicht bis auf Null. Im Notfall müssen wir sie gegen Leute wie Bin Laden einsetzen können. Seltsam, sein blinder Hass. Ich beschäftige mich ziemlich viel mit Geschichte, aber ich kann mich an keinen Krieg erinnern, der aus reinem Hass begonnen wurde. Man hat Krieg immer nur um der Macht willen oder wegen des Profits geführt.

STANDARD: Oder wegen der Liebe.

Bethe: Nennen sie mir ein Beispiel.

STANDARD: Der Kampf um Troja.

Bethe: Ob der wirklich wegen der Liebe geführt wurde, ist eine andere Frage. Lassen Sie mich noch eines sagen: Den Einsatz der Atombombe in Hiroshima halte ich immer noch für gerechtfertigt. Wir hatten Japan auf See und in der Luft besiegt, aber sie hätten nicht aufgegeben. Erst die Atombombe bewirkte, dass sich der Tenno gegen seine Militärs stellte und kapitulierte. Hiroshima rettete vielen Hunderttausenden Japanern das Leben, die sonst möglicherweise durch Brandbomben umgekommen wären. Der Pilot des B-2-Bombers »Enola Gay«, der die Bombe über Hiroshima abwarf, wurde dennoch verrückt. Die meisten Wissenschaftler hatten ein schlechtes Gewissen, aber sie wurden nicht irre. Die Zerstörungskraft machte uns Kummer, aber zugleich waren wir stolz, unseren Job erledigt zu haben.

STANDARD: Hatten Sie nie Alpträume?

Bethe: Nein. Vor dem Einschlafen spiele ich oft mit Zahlen. Welches Spiel?

Bethe: Das interessanteste ist heraus zu finden, ob eine Zahl als Summe zweier Quadrate geschrieben werden kann. Also 13 = 3 x 3 plus 2 x 2. Aber ist 417 die Summe zweier Quadrate? Nein, dafür sind es 317 und 617. Und 1017. Prüfen Sie das mal heute Nacht beim Schlafen gehen nach. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3. 3. 2002)

Hans A. Bethe, am 2. Juli 1906 in Strassburg geboren und in Frankfurt aufgewachsen, war zeitlebens ein gefragter Kernenergieexperte. In den 30-er Jahren verließ er Deutschland, da er als Professor für Physik an die Cornell-University in Ithaca, New York, berufen wurde, wo er noch heute lebt. Er trug entscheidend zur Entwicklung der Atombombe in Los Alamos bei, setzte sich danach aber engagiert für die Abrüstung ein. 1967 erhielt er den Nobelpreis für die Entdeckung der Energieproduktion in den Sternen. Das Interview führten André Behr und Lars Reichardt.
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