Indien: Zankapfel Babri-Moschee

3. März 2002, 10:02
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Gotteshaus immer wieder Auslöser von Unruhen in Indien

Ahmedabad - Mehr als 400 Menschen sind bei den schweren Religionsunruhen in Indien in den vergangenen Tagen getötet worden. Hintergrund für die Gewalt zwischen Hindus und Moslems war auch diesmal wieder der jahrhundertealte Streit um eine heilige Stätte im Norden des Landes. Seit Jahrzehnten versuchen radikale Hindus, in Ayodhya im Bundesstaat Uttar Pradesh an einer Stelle einen Tempel zu errichten, auf der einst eine Moschee stand. Als Hindus 1992 das moslemische Gotteshaus niederrissen, setzten sie eine Welle der Gewalt in Gang, durch die rund 2000 Menschen getötet wurden.

Die Babri-Moschee von Ayodhya wurde im 16. Jahrhundert gebaut. 1788 behauptete ein Jesuitenpriester, das moslemische Gotteshaus sei auf der Geburtsstätte des Hindu-Gottes Ram errichtet worden. Seitdem streiten sich die Religionen um den heiligen Ort. 1949 tauchte in der Moschee eine Ram-Statue auf. Hindus sprachen von einem Wunder, Moslems von einem Trick. Um den Konflikt zu beenden, kaufte die Regionalregierung ein Jahr später die Moschee und schloss sie. 1986 gewährte ein Gericht der Hindu-Gemeinschaft wieder Zutritt zu dem Gotteshaus. Kurz darauf setzten die heutige Regierungspartei BJP und die radikale Vishwa Hindu Parishad (VHP) neben der Moschee einen Grundstein für einen Ram-Tempel und riefen landesweit zur Unterstützung des Bauprojekts auf.

Die nationalistische Hindu-Partei BJP kaufte 1991 als damalige Regionalregierung das Gelände und begann mit dem Tempel-Bau, den sie auch nach einem gerichtlichen Verbot fortsetzten. Im Dezember 1992 eskalierte der Konflikt: Rund 300.000 Hindus pilgerten nach Ayodhya, rissen die Babri-Moschee ein und errichteten auf der Ruine einen provisorischen Ram-Tempel. An dem Gewaltakt entzündeten sich die schwersten Unruhen in Indien seit der Unabhängigkeit 1949. Die Ruine wurde erneut abgeriegelt. Seit die BJP die indische Regierung stellt, versucht sie sich von dem Konflikt zu distanzieren. Die radikale VHP dagegen treibt das Projekt mit alter Vehemenz voran. Notfalls will sie den Tempel-Bau auch unter massivem Polizeischutz durchsetzen.(APA)

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