Mit Störsendern gegen Handy-Gebimmel

2. März 2002, 12:45
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Europaweit einmaliges Gesetz stößt französischer Mobilfunklobby sauer auf

Beim zweiten Satz von Beethovens Siebter klingelt es im Parkett, mitten in die romantische Liebesszene bimmelt das Handy des Kinonachbarn: Der unaufhaltsame Aufstieg des Mobiltelefons zum Alltagsgegenstand sorgt immer wieder für Ärger bei Menschen, die wenigstens kulturelle Veranstaltungen ungestört genießen wollen. Frankreich will nun drastisch gegen die akustische Umweltverschmutzung vorgehen.

Europaweit einmaliges Gesetz

Ein europaweit offenbar einmaliges Gesetz erlaubt den Einsatz von Störsendern gegen Handy-Empfang in Theater, Konzertsaal und Oper. Die Franzosen begrüßen die neue Regelung, die wegen technischer und rechtlicher Probleme frühestens im Sommer in Kraft treten kann. 85 Prozent erklärten sich einer Sofres-Umfrage zufolge mit dem Einsatz von Anti-Handy-Wellen einverstanden - sogar die Telefonbesitzer haben zu 84 Prozent keine Einwände.

Mobilfunkbetreiber schlagen Alarm

Doch die Mobilfunkbetreiber schlagen Alarm: Können Notrufe noch abgesetzt werden? Stört es ein Konzert, wenn das Handy per Vibration einen Anruf meldet? Warum darf ein Arzt in Bereitschaft nicht mehr per SMS auch beim Opernbesuch erreichbar sein? Und ist das Problem wirklich so gravierend, um gleich den Staat auf den Plan zu rufen?

"Ein Gesetz ist vielleicht nicht die beste Lösung", formuliert ein Sprecher des Branchenverbands Afom die Bedenken vorsichtig. Zumal sei der Gesetzentwurf kurz vor der Sommerpause in der Nationalversammlung durchgewunken worden, als nur noch eine Handvoll Parlamentarier anwesend gewesen sei. Derzeit macht die Lobby Druck bei der französischen Regulierungsbehörde für Telekommunikation (ART), die die technische Umsetzung des letzten Sommers beschlossenen Gesetzes prüft.

Mehr Mobil als Festnetz in Frankreich

Mehr als 37 Millionen Mobiltelefone gibt es in Frankreich; Ende vergangenen Jahres waren es erstmals mehr als Festnetzanschlüsse. Drei Giganten teilen sich den lukrativen Markt: Orange (France Telecom) hält 48 Prozent, SFR (Vivendi-Universal) 34 und der Mischkonzern Bouguyes 18 Prozent. Einen gemeinsamen "Handy-Knigge" gibt es in Frankreich nicht. In Kinos und Theatern werden die Zuschauer vor Beginn der Vorführung gebeten, ihr Mobiltelefon abzustellen. Auch in zahlreichen Restaurants ist das Klingeln verpönt - doch wer sich darüber hinwegsetzt, hat außer bösen Blicken nicht viel zu befürchten.

"Handy-Sündern" das Handwerk legen

Nun soll den "Handy-Sündern" technisch das Handwerk gelegt werden. Im Gespräch sind Systeme, die gezielt eingeschaltete Mobiltelefone orten und lahm legen oder ein künstliches Funkloch erzeugen können. Die Regulierungsbehörde ART bereitet derzeit eine Empfehlung vor, wie das Gesetz umgesetzt werden kann. Dann muss noch die EU konsultiert werden, bevor Kinobesitzer und Theaterdirektoren die ersten Störsender installieren könnten.

In Deutschalnd nicht möglich

Zu berücksichtigen hat die Behörde auch juristische Einwände, die eine radikale Lösung "a la Francaise" in Deutschland unmöglich machen. "Wir haben Anfang der neunziger Jahre die Mobilfunkfrequenzen den Anbietern zur exklusiven Nutzung überlassen", sagt der Sprecher der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, Harald Dörr. "Das kann nicht rückwirkend geändert werden." Sonst kämen Schadenersatzansprüche auf den Bund zu.(Uwe Gepp/APA/AP)

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