Kein Glück unter Zwergen

1. März 2002, 20:26
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Der interessanteste deutsche Theaterverlag liegt in der Mentalitätszone Ost.

Die monatlich erscheinende Bühnenzeitschrift Theater der Zeit hat im Vergleich mit ihrem hochglänzenden Pendant Theater heute die Rolle eines armen Vetters inne: Die Aufmachung des lieben Ost-Verwandten trägt deutliche Spuren des Alters und des liebenswürdigen Starrsinns. Theater der Zeit besitzt ein großes Herz für alle Kleinen und Vergessenen, nicht zuletzt jene ostzonalen Modernitätsverlierer, die da noch immer unverdrossen Theater schuften zwischen niederer Lausitz und vorderen Pommern.

Kulinarik ist in diesen wunderbaren Heftchen-Grüften streng verboten. Armutsgelübde bestimmen Anspruch wie Präsentation. Zwar sperrt man sich nicht länger gegen die Trends eines (vielerorts leerlaufenden) Theaterbetriebs. Doch egal, ob einen nun das Rollen von Thespis' herrlichem Karren durch Rostock oder Frankfurt/Oder brennend interessiert oder nicht: In den besten Beiträgen des Blattes gelangt jener utopische Überschuss zum Vorschein, dessen pfleglich wahrnehmende Beachtung dem Projekt "DDR" vielleicht tatsächlich aufgeholfen hätte. Der irreale Konjunktiv ist freilich keine historische Kategorie. Diesen nicht immer aufwühlenden Befund stützt nun auch ein Gesprächsband in der gar nicht genug zu lobenden "Recherche"-Reihe dieses wunderlichen Verlags: Der verdiente "TdZ"-Redakteur und Kritiker Martin Linzer plaudert gegenüber einem jüngeren, gar nicht servilen West-Zeitgenossen (Nikolaus Merck) sozusagen aus dem Nähkästchen. In salopper Manier wird das kulturelle Leben der DDR rückschauend aufgefaltet: ohne Dogmen, aber auch ohne jenen nachträglichen Hang zur Behübschung, der etwa aus Manfred Wekwerths geschwätziger Autobiographie unlängst eine ärgerliche Festschrift in eigener Sache machte. Der eher introvertierte Theaterkritiker und Funktionär Linzer macht kein Hehl aus seinem damaligen, unverbrüchlichen Einverständnis mit dem Arbeiter-und-Bauern-Staat. Er entwirft in aller Beiläufigkeit das Bild einer zusehends zersetzenden und dann vollends ruinösen Mikropolitik, die von allen Beteiligten ein gerütteltes Maß an taktischem Geschick und geschmeidiger Haltungsänderung verlangte. Oft nutzte jedoch auch die kunstvollste Verrenkung gar nichts.

Der byzantinische Wahnsinn einer paternalistischen Kleinkrämer-Diktatur würgte seit den 50er Jahren alle wesentlichen Neuerungen ab: Man degradierte Brecht zum bestenfalls schmückenden, argwöhnisch beäugten Außenseiter. Man brach der Jahrhundertfigur Wolfgang Langhoff, einem bürgerlichen Marxisten, am Deutschen Theater den Rücken und trieb ihn indirekt in den Tod. Weggeekelt wurden, unter mehr oder minder repressiven Vorzeichen: der intellektuelle Adolf Dresen, der spielerische Benno Besson, der Brecht-Schüler Peter Palitzsch, der kolossale Einar Schleef. Gedemütigt, abgewürgt und/oder in die "Produktion" zwangsverschickt wurden: B.K. Tragelehn, Heiner Müller. Ungezählt sind die Abmahnungen, Bestrafungen, Gängelungen durch Bezirkssekretäre, Mogulen und Wesire: Proponenten einer marxistisch-leninistisch überforderten Staatsgartenzwergpartei. Das "westliche" Theater wurde mit den Vertriebenen bequem gemästet und gepäppelt: Es ist dies das nicht geringste Paradoxon einer unfreiwillig exportorientierten Theatermisswirtschaft. Was jedoch für die Person des heute 71-jährigen Linzers unbedingt einnimmt, ist dessen gänzlich unprätentiöses Auftreten: Niemals verkleidet er sich als Held. Sein zwischenzeitliches Abschweifen in die Theater der Provinz, nach Senftenberg oder Anklam, wo ein gewisser Frank Castorf erstmals ungläubiges Staunen erntete, belegt ein Dasein in kulturellen Nischen, nicht frei von jenen kaum messbaren Opportunismen, von denen auch unser angeblich "repressionsfreies" Dasein so auskömmlich zehrt.
(Von Ronald Pohl - DER STANDARD, Album, 2.3.2002)

Martin Linzer, "Ich war immer ein Opportunist . . .". 12 Gespräche über Theater und das Leben in der DDR, über geliebte und ungeliebte Zeitgenossen, aufgezeichnet von Nikolaus Merck. EURO 10,17/308 Seiten. Theater der Zeit, Recherchen 7, Berlin 2001.
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