Die Dinge des Lebens

1. März 2002, 20:10
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Neuauflagen zu Georges Perec erinnern an einen fast Vergessenen

Das Triviale, das Banale, das Alltägliche, das "Infra-Ordinäre" hat ihn interessiert. "Das Übliche befragen" - das, was unterhalb der allgemeinen Wahrnehmung liegt. Die Dinge, zum Beispiel, beschreibt den Alltag eines Paares. Es geht dabei nicht um ihren Bezug zueinander, sondern um ihr ganz an den (für sie) begrenzten Möglichkeiten und dennoch unendlichen Verheißungen der Warenwelt orientiertes Dasein. Sylvie und Jérôme, Anfang zwanzig, Studienabbrecher und nun im Auftrag von Werbeagenturen als Marktforscher unterwegs, durchstreifen in ihrer Freizeit Paris als Neo-dandys und Schnäppchenjäger. Führen eine Zwischenexistenz, "im Provisorischen" - ein Lebensstil, der seltsame Gegenwärtigkeit hat.

Der Roman, der akribisch, in knappen Sätzen, dieses Bild von vermeintlich ganz zeitgenössischen Phänomenen und Gefühlslagen entwirft, ist inzwischen bald vierzig Jahre alt: Die Dinge. Eine Geschichte der sechziger Jahre erschien 1965. Der Autor, Georges Perec, damals 29 Jahre alt, wurde für sein Romandebüt umgehend mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet.

Die Mittelbarkeit jeglicher Erfahrung hat ihre formale Entsprechung: Die (unmittelbare) Gegenwart fehlt. Das Buch beginnt in der Möglichkeitsform - mit einer durchdachten Wunschvorstellung, einer genauen Beschreibung von Räumen, Einrichtungsgegenständen, Dekorationsobjekten und deren möglichem Gebrauch. Mit Zukunftsaussichten wird es enden (angeblich lernten russische Französischstudenten eine Zeit lang anhand von Auszügen aus den Dingen Konjunktiv und Futur). Dazwischen liegt, was einmal war: "Nichts blieb." (...) "Alles hätte so weitergehen können."

Zwei Jahre nach dem Romanerstling wird Ein Mann der schläft veröffentlicht. Ein junger Mann beschließt eines Tages, nicht zu einer entscheidenden Prüfung anzutreten. Allmählich verschmilzt er mit der Außenwelt, verfällt in einen somnambulen Zustand. Seine alltäglichen Routinen dienen nur noch dazu, die Zeit und die Bewegung im Großstadtraum zu strukturieren.

Ein Buch ist viele Bücher. Perecs Texte sind durchsetzt von "Implizitaten", nicht explizit ausgewiesenen Weiterverarbeitungen von Texten anderer. (So nimmt Perecs Biograf David Bellos beispielsweise an, dass Ein Mann der schläft zur Gänze aus Zitaten gefertigt sei. Die Literaturwissenschafterin Ariane Steiner hat im Vorjahr eine umfangreiche Untersuchung zur Intertextualität in Perecs Werk veröffentlicht.) Zugleich ist der Autor auch ein (Puzzle-)Spieler. Seine Quellen und die ausgeklügelte Bauart, die formale Anlage seiner Texte - einen Roman in 99 Zimmern anordnen (Das Leben Gebrauchsanweisung) - verschwinden quasi in minutiösen Schilderungen, einer Dramaturgie der Verdichtung, die sich in möglichst genauen Beschreibungen zugleich verzweigt und sich ihrem Gegenstand annähert.

Ein anderes wiederkehrendes Element in Perecs Texten sind seine Listen, kompakte, praktische, versponnene oder absurde Miniatursammlungen: "Versuch einer Bestandsaufnahme der flüssigen und festen Nahrungsmittel, die ich im Verlaufe des Jahres neunzehnhundertvierundsiebzig hinuntergeschlungen habe", "Zweihundertdreiundvierzig Postkarten in Echtfarbendruck" oder ganz einfach ein Verzeichnis der "Dinge, die man hin und wieder systematisch tun sollte".

Perec arbeitet auch gegen das Vergessen, leidet zeitweilig geradezu an einer "Vergessens-Phobie". David Bellos führt dies auf seine Kindheit während des Zweiten Weltkriegs zurück: Perec kam 1936 in Paris zur Welt. Sein Vater fiel 1940, seine Mutter wurde 1942 interniert und 1943 in Auschwitz umgebracht. Der Junge wuchs bei seiner Tante auf. Die Familie stammte aus Polen, hatte sich während der 20er-Jahre nach und nach in Frankreich niedergelassen und musste während der Vichy-Regierung untertauchen, die jüdische Herkunft verbergen.

Im Hintergrund von Perecs Texten - Romanen, Essays, Hörspielen und Theaterstücken - sind noch andere Erfahrungen wirksam. Von 1961 bis 1978 arbeitet der Autor im Labor für medizinische Neurophysiologie des Centre national de la recherche scientifique (CNRS) als Dokumentar wissenschaftlicher Arbeiten. Er entwickelt dort unter anderem ein komplexes Ablage- und Verzeichnungssystem, eine Art analoge "random access database" (Bellos). 1966 wird er Mitglied der OULIPO, der "Werkstatt für potenzielle Literatur", die Raymond Queneau und Fran¸cois Le Lionnais sechs Jahre zuvor gegründet hatten. Die Gruppe experimentiert unter anderem mit der Übertragung wissenschaftssprachlicher Schemata auf literarische Formen. In dieser Zeit entstehen Arbeiten wie Perecs berühmter Roman ohne "e", La disparition (1969, dt: Anton Voyls Fortgang), sein zwei Seiten langes "Großes Palindrom" oder eines seiner berühmtesten Werke, der Roman Das Leben Gebrauchsanweisung (1978).

1981 fertigt er - für eine TV-Serie - eine weitere Liste an: "Einige der Dinge, die ich wirklich noch machen müsste, bevor ich sterbe." Unter anderem steht da: "aufhören zu rauchen (bevor ich dazu gezwungen bin)". Am 3. März 1982 starb Georges Perec an Lungenkrebs.
(Von Isabella Reicher - DER STANDARD, Album, 2.3.2002)

Georges Perec, Die Dinge. EURO 19,60,-/140 Seiten. Manholt, Bremen 2001.

Georges Perec, Ein Mann der schläft EURO 17,50,-/ 135 Seiten. Manholt, Bremen 2000.

David Bellos, Georges Perec: A Life in Words. EURO 26,90/ 802 Seiten. The Harvill Press, London 1995.

Ariane Steiner, Georges Perec und Deutschland. Das Puzzle um die Leere. EURO 40,-/300 Seiten. Königshausen & Neumann, Würzburg 2001.

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